Politik : Die Rückkehr des Privaten

Von Malte Lehming

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Es war einmal eine Gemeinschaft, man nannte sie auch Solidargemeinschaft. Einer war für den anderen da, der Stärkere für den Schwächeren. Die Rente war sicher, die Bildung ein öffentliches Gut, das System der Krankenversorgung funktionierte. Diese schöne, alte Welt ist untergegangen. Bund, Länder und Kommunen sind notorisch klamm, die Kosten für die Sozialsysteme explodieren. Die meisten Deutschen wissen: Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Das mag man beklagen, man muss sich aber mit der neuen Wirklichkeit arrangieren. Daher liegt die private Altersvorsorge im Trend, die private Zusatzversicherung, die Zahl der privaten Krankenhäuser steigt unaufhörlich – ebenso die Zahl der privaten Kindergärten, Schulen und Universitäten. Wer kann, nimmt sein Schicksal in die eigene Hand.

Das ist in erster Linie die Mittelschicht. Hier, wo der Arbeitsplatz noch sicher, das Geld vorhanden, die Abgabenlast groß und die Unzufriedenheit mit der öffentlichen Versorgung besonders ausgeprägt ist, findet eine Abkehr statt. Nicht der Staat als solcher wird verabschiedet, sondern das Vertrauen darauf, dass er es irgendwie schon richten wird.

Kein Warten und Murren mehr, sondern Eigeninitiative, Risiko, Verzicht. Die lethargische Empörungspose gehört endgültig der Vergangenheit an. Im europäischen Vergleich hat Deutschland, etwa bei der Bildung, sogar Nachholbedarf in Sachen Privatisierung. In Frankreich, England, Belgien und den Niederlanden ist der Anteil der Eltern, die die Erziehung ihrer Kinder nicht dem Staat überlassen, sehr viel höher als bei uns.

Ist es snobistisch, sein Kind auf eine private Bildungseinrichtung zu schicken? Die Vorteile liegen auf der Hand: Private Kitas können es sich nicht leisten, bloße „Verwahrungseinrichtungen“ zu sein, die Kinder werden meist ganztägig betreut, in den konfessionellen Schulen werden Werte vermittelt, der Unterricht fällt weniger oft aus, in den privaten Unis steht die Lehre im Vordergrund, nicht die Forschung. Verkommt Bildung langsam zum Privileg?

Ja, das tut sie, jedenfalls zum Teil. Das Gros der Kinder wird auch künftig weiter an öffentlichen Lernorten betreut, von denen viele qualitativ nicht schlechter sind als die privaten. Doch eine kleine, stetig wachsende Schicht von Gutbetuchten sucht ihr Heil woanders. Immer mehr Eltern nehmen die Erziehung ihrer Kinder wichtiger als den nächsten Breitbildfernseher, das Zweitauto oder den Sommerurlaub. Sie dafür zu schelten, nützt niemandem.

Rechtfertigen muss sich niemand, der sich um das Wohl seiner Kinder, die eigene Gesundheit oder Rente sorgt. Sich in diesen Bereichen unabhängig vom Staat zu machen, ist oft eher ein Zeichen von verantwortungsbewusstem Pragmatismus als von unlauterem Egoismus. Aber es wäre falsch, die Ellenbogengesellschaft moralisch zu überhöhen. Eigentum verpflichtet, heißt es. In diesem Sinne verpflichtet auch der teure Rückzug ins Private. Wer sein Kind auf eine Privatschule schickt, sollte sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass es an dieser Schule Quoten für Benachteiligte gibt, deren Ausbildung man selbst durch sein Schulgeld mitfinanziert.

Die staatlich organisierte Solidargemeinschaft ist an ihre Grenzen gelangt. Das Prinzip der Solidarität muss überleben.

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