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Die russische Wunde : Erinnerungen an den Ostfeldzug

22.06.2011 16:37 Uhrvon
Kolonne des Todes. Motorisierte deutsche Truppen auf dem Vormarsch in der Ukraine.Bild vergrößern
Kolonne des Todes. Motorisierte deutsche Truppen auf dem Vormarsch in der Ukraine. - Foto: Topham Picturepoint/Keystone

Begegnet sind sie sich nie, aber ihre Wege haben sich gekreuzt – im brutalsten Krieg der Weltgeschichte. Der begann, als Hitler am 22. Juni 1941 den Ostfeldzug befahl. Von zwei Soldaten, die den überlebt haben und sehr alt werden mussten, um davon zu erzählen.

Der junge Mann zieht es vor, im Sitzen zu schlafen. Auf einem Schemel. Um ihn herum wimmelt es von Kakerlaken. Er ist dankbar für das Obdach, das ihm in der ärmlichen Lehmhütte gewährt wurde. Sogar zu essen hat er bekommen. In Öl gebackene Pfannkuchen. Er ist mit den Kräften am Ende. Nach draußen kann er nicht. Eisiger Wind fegt über eine schneebedeckte Einöde. Die Russen, die ihn aufgenommen haben, kennen es nicht anders. Doch die Weite hier übersteigt das Vorstellungsvermögen eines Niederrheiners, wie Jakob Lisken einer ist, geboren 1916 in Kamp-Lintfort. Von dort hat es ihn hierher verschlagen, in den russischen Kriegswinter 1942.

Ein anderer hat da gerade seinen 18. Geburtstag erlebt, in einem Kriegsgefangenenlager bei Aachen.

Er hungert und friert, und Ungeziefer ist sein geringstes Problem. Auch er weiß nicht, ob er lebend da herauskommt. Seine Name: Hassan Ibragimowitsch Hassanow.

Sie sind sich nie begegnet. Jeder kämpfte jeweils nahe der Heimat des anderen ums Überleben. Der eine, ein Imker aus dem Nordkaukasus, Muslim, geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, er starb vor zwei Jahren in seiner Heimat. Der andere, ein katholischer Bauer vom Rand des Ruhrgebiets, kam als Offiziersfahrer zur 6. Armee an die Ostfront. In der südrussischen Steppe wurde er versprengt. Das rettete ihm vermutlich das Leben. Nun sitzt er in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist und zeitlebens gewohnt hat, und erinnert sich.

Die Fakten sind bekannt. Als deutsche Truppen am 22. Juni 1941 den Grenzfluss Bug überschritten und mit 140 Divisionen in die Sowjetunion einfielen, geriet das Deutsche Reich in einen Zweifrontenkrieg, den es nicht gewinnen konnte. Aber geblendet von den bisherigen „Blitzkrieg“-Erfolgen, wollte man die Sowjetunion noch vor Jahresende niedergerungen haben. Bis auf 30 Kilometer rückte die Wehrmacht an Moskau heran, sie war die größte Streitmacht, die je ein Land überfallen hatte. Doch bald schon war die Front überdehnt, der Nachschub problematisch und der Winter da. Der Untergang der 6. Armee vor Stalingrad wurde zum traurigen Symbol für das nahende Ende Hitlerdeutschlands. 32 Millionen Menschen kamen bei diesem blutigsten Feldzug der Weltgeschichte ums Leben.

Jakob Lisken, der Bauer, hat ihn überlebt. Er sitzt in der einfachen Küche seines Hofes, 95 Jahre alt, das Wohnzimmer ist für besondere Anlässe reserviert und ungeheizt. Auf dem liegt nun auch seine Kamera, die ihn durch den Krieg begleitet hat. „Ja, manchmal hat er auch vom Krieg gesprochen“, sagt seine Frau, „aber nicht oft.“ Heute kann er reden darüber, kaum jemand fragt noch nach den Schuldigen von damals. Und wenn Lisken erzählt, verschwimmen die Grenzen zwischen Tätern und Opfern.

1936 absolviert er nach dem Wehrdienst noch eine Ausbildung als Fahrer: Führerscheine I–III, dazu den Panzerfahrerschein – als Landwirt würden die ihm auch später nützlich sein, weiß er. Er fährt gut, gerne und schnell, ist ein gelassener, sympathischer Kerl. Genau richtig für die Kommandeure, die er ab Kriegsbeginn in einer damaligen Luxuskarosse chauffiert, einem Horch, Modell Sport-Cabrio. Von Frankreich, wo sie zuerst eingesetzt sind, geht es 1941 an die Ostfront.

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