Politik : Die sanfte Revolution - In Teheran siegen die Reformer (Kommentar)

Birgit Cerha

Am Freitag fanden die wohl wichtigsten Parlamentswahlen seit Gründung der "Islamischen Republik" 1979 statt. Und die überwiegend jugendliche Bevölkerung des Iran bewies dabei staunenswerte politische Reife. Denn obwohl dort tiefe Frustrationen über die stetig wachsenden ökonomischen und sozialen Probleme herrschen, bestätigten die Wähler mit überwältigender Mehrheit Präsident Chatamis Kurs der vorsichtigen und langsamen Veränderung. Die erstaunlich hohe Wahlbeteiligung, die nach den bisher vorliegenden Ergebnissen jene der Präsidentschaftswahlen vor zweieinhalb Jahren übersteigen dürfte, beweist, dass die in der Demokratie völlig ungeübten Perser ihre entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft des Landes begriffen und entschlossen spielen wollen. In der mittelöstlichen Welt der Autokraten und Despoten setzt der Iran damit ein Beispiel. Das Zeichen ist klar: Die Iraner wollen keine erneute gewalttätige Revolution, sondern eine demokratische Veränderung.

Auch der geistlichen Führung gebührt Achtung. Selbst jene erzkonservativen Kräfte, die ihre absolute Macht seit mehr als zwei Jahrzehnten in vollen Zügen, häufig auch zu ihrem nicht geringen persönlichen Vorteil genossen, haben begriffen, dass sie sich dem Willen des Volkes nach Freiheit nicht mit allen Mitteln der Gewalt widersetzen können. Denn der Preis dafür wären blutige Konfrontationen.

In den vergangenen Monaten hatte Irans konservatives Establishment mit allen Mitteln - auch jener der Repression - versucht, seine bröckelnde Macht zu retten. Die prominentesten Reformpolitiker sitzen im Gefängnis, den einflussreichsten Meinungsmachern wurde der Mund gestopft. Doch die Konservativen konnten damit das Volk nicht einschüchtern. Und auch die alten islamischen Slogans, die 1979 dem Schah-Regime zum Verhängnis wurden, wirken nicht mehr.

Der Islam der geistlichen Revolutionäre hat seine politische Kraft in der Gesellschaft verloren. Selbst die konservativsten Führer des "Gottesstaates" zeigen nun eine - zweifellos widerwillige - Bereitschaft, sich nicht mehr total dem Willen des Volkes zu widersetzen. Sie ließen deshalb demokratische Wahlen zu - etwas, das in dieser Region einzigartig ist. Die Auswahl der Kandidaten durch den erzkonservativen "Wächterrat" war undemokratisch, doch der Wahlvorgang selbst war fair. Das Establishment ließ das Volk gegen sich stimmen, ein Volk, dessen politisches Bewusstsein stetig wächst und sich mehr und mehr gegen die autokratische Herrschaft der Geistlichen richtet.

Der Iran beschreitet damit einen neuen Weg. Das Ziel - ein pluralistisches, demokratisches System - liegt noch in der Ferne. Doch es erscheint heute erreichbar. Der Iran könnte damit für die gesamte islamische Welt als Vorbild dienen, ein Beispiel für die in so vielen anderen Ländern - von Algerien über Ägypten bis zum fernen Orient - ungelöste Konfrontation zwischen Moderne und einem starren, überholten islamisch-politischen Gedankengut.

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