Politik : Die Schlüssel zum Schloss Von Gerd Appenzeller

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Machen wir uns nichts vor. Viele Themen, die Berlin bewegen, sind nicht die, für die man sich in ganz Deutschland interessiert. Mehr noch: Was die Berliner Politik, die des Bundes und die der Stadt, umtreibt, ist auch oft Welten entfernt von den ganz normalen Sorgen der Berliner. Großflughafen, Hauptbahnhof, HolocaustMahnmal und nun der Wiederaufbau des Stadtschlosses, das ist die eine, die obere Ebene. Schlaglöcher, geschlossene Bäder, vergammelte Schulen, das ist die andere, die untere. Bilde sich niemand ein, dass eines fernen Tages die Eltern ihre Kinder an die Hand nehmen, mit strahlenden Augen vor die in frischem Glanz erstrahlende Barockfassade auf dem Schlossplatz führen und die alltägliche Tristesse vergessen. Nein, wenn uns heute ein neues Gutachten erklärt, wie das Stadtschloss unter annehmbaren Bedingungen wieder erstehen könnte, ist die Politik den Menschen mehr schuldig als ein schlüssiges Zahlenwerk.

Der Präsident des Bundestags, der Bauminister und die für Kulturfragen zuständige Staatsministerin müssen begründen, welchen Sinn der Wiederaufbau erfüllen soll, und sie dürfen sich dabei nicht auf den vom Bundestag im Sommer 2002 mit großer Mehrheit gefassten Beschluss zur Wiederherstellung in originaler Größe und mit barocker Fassade zurückziehen. Dieser Beschluss des Parlaments liefert zwar die Legitimation des Arbeitsauftrages an zwei Beratungsfirmen und ein renommiertes Berliner Architekturbüro. Mehr als eine Machbarkeitsstudie konnten die aber nicht erstellen. Mit der Beantwortung der Sinnfrage waren sie nicht betraut. Und Sinn heißt mehr als Leidenschaft des Herzens. Ob die Ödnis im Zentrum von den Historikern als schmerzende Wunde in der Mitte der Stadt empfunden wird oder ob konservative Bildungsbürger das Wiedererstehen des Schlosses als städtebaulichen Schlussstein eines tradierten Preußenbildes herbeisehnen, kümmert die Steuerzahler in, sagen wir, Württemberg oder Bayern oder Hessen herzlich wenig.

Die Steuerzahler aber müssen vor allen anderen überzeugt werden, denn die heute zu präsentierenden Expertisen sagen, dass bei der Finanzierung des Projekts nur ein kleinerer Teil aus privaten Mitteln käme, der weit größere hingegen von der öffentlichen Hand finanziert werden müsste. Die Barockfassade und die Beibehaltung der alten Raummaße erlauben zwar die Planung eines Hotels und darunter einer großen Tiefgarage, aber weder den Einbau flexibler Büros noch den eines Kaufhauses – wie schön, bedankt man sich leise für dieses Hemmnis, denn weder das eine noch das andere hätte zwingend gerade hier in einem Kulturforum entstehen müssen.

Was aber dann? Dieses Land braucht keine Zentrale, die wurde mit dem 8. Mai 1945 für immer geschlossen. Berlin kann von seinen Besuchern keinen besonderen Respekt erwarten und erst recht keine Opfer. Was hier an Substanz erhalten oder wiederhergestellt werden soll, muss sich aus seinem Wert für das ganze Land, besser noch: weit darüber hinaus, rechtfertigen. Zur Museumsinsel, die Weltkulturerbe im Wortsinne und nicht nur nach der Definition der Vereinten Nationen ist, kann sich in einem überschaubaren Zeitraum das Humboldt-Forum gesellen, mit den großen außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit den Schätzen der Universität und mit den großen Bibliotheken. Und sollte sich dann, so sich alles glücklich fügt, das Areal zwischen Humboldt-Universität, Museumsinsel, Dom und Schloss als architektonisches Gesamtkunstwerk präsentieren, dürfen auch die Berliner darauf stolz sein – zusammen mit allen Bürgern.

Wenn Berlin und seine Menschen ihren Gästen dann noch das Gefühl vermitteln, dass alle hier willkommen sind, dass sie die Reise nach Berlin als emotionale und intellektuelle Bereicherung erfahren dürfen, dann findet auch das Schloss seine Rechtfertigung. Aber damit sind wir schon längst in einem Bereich, in dem alles Geld nichts ausrichten könnte, wenn es an den inneren Voraussetzungen fehlte.

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