Politik : Die Schöne und der Stoff

Drakonische Drogen-Urteile stören das Verhältnis Australiens zu Indonesien

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Am Dienstag wurde in Canberra wieder einer dieser Briefe verschickt. Wieder ging er in der indonesischen Botschaft in Aus- tralien ein, wieder war darin weißes Pulver. Und wieder herrschte Angst vor Gift, vor Anthrax. Experten sperrten die Umgebung ab, so wie es schon in der Woche zuvor war, als das Botschaftspersonal in Quarantäne musste. „Es ist kein unschuldiges, weißes Pulver“, sagte Australiens Ministerpräsident John Howard. Später ergaben die Testergebnisse zwar, dass die Substanz harmlos ist. Und doch zeigen die Briefe und Päckchen Wirkung: sie gehen an die Nerven. Indonesiens Außenminister Hassan Wirayuda spricht von einer „Welle der Terrordrohungen“.

Australier sind wütend auf Indonesien, genauer gesagt auf die Justiz der Insel Bali. Dort haben Richter die Australierin Schapelle Corby vor zwei Wochen wegen Drogenschmuggels zu 20 Jahren Haft verurteilt. Zollbeamte hatten im Oktober vergangenen Jahres 4,1 Kilogramm Marihuana im Fluggepäck gefunden. Nach Meinung vieler Australier hat jemand Corby die Drogen untergejubelt. Und nun wollen Urlauber Bali als Reiseziel boykottieren. Manche Australier fordern gar, die Tsunami-Hilfe einzustellen. „Wir können nicht zusehen, wie eine junge Australierin in einem ausländischen Knast verkommt“, meint Filmstar Russel Crowe. Am Parlamentsgebäude rief jemand per Graffito zur Invasion Indonesiens auf. Dort landete auch ein dritter Umschlag mit verdächtiger Substanz.

Politiker sollen Corby mehr helfen, fordern die Australier. Regierungsbrief ans Gericht, Beteiligung an Anwaltskosten, Ministerreisen nach Indonesien – das reicht der Öffentlichkeit nicht. Jetzt will Australien mit Indonesien ein Abkommen treffen, das einen Häftlingsaustausch ermöglicht. Corby ist 27 Jahre alt, sieht gut aus und will Kosmetikerin werden. Unterstützer sehen ein nettes Mädchen von nebenan. Vor Gericht floss aus ihren großen, grünen Augen eine Träne nach der anderen. Einmal fiel Corby in Ohnmacht. „Retten Sie mein Leben“, flehte sie ihre Richter an, die auch die Todesstrafe hätten verhängen können. Fernsehkameras brachten das Drama in australische Wohnzimmer. Corby sagte, das Marihuana sei in ihre Tasche gesteckt worden, und zwar von australischen Flughafenangestellten, die von Drogenschmugglern geschmiert worden seien. Die schluchzende Angeklagte überzeugte so sehr, dass es schwierig war, sich Corby als schauspielernde Lügnerin vorzustellen. Doch sie konnte ihre Theorie nicht beweisen. „Schuldig“, sagte Richter Linton Sirait, „die Angeklagte hat Marihuana importiert.“ – „Lügner! Lügner! Schatz, wir holen dich heim“, schrie Corbys Mutter.

Beobachtern des Prozesses stellen sich so einige Fragen. Warum wollte Richter Sirait das Drogenpaket nicht auf Fingerabdrücke von Corby untersuchen? Warum sprach er in mehr als 500 Drogenverfahren alle Angeklagten schuldig? Spielt es eine Rolle, dass Flughafenangestellte in Sydney in einem anderen Fall halfen, Drogen zu schmuggeln? Stimmt, was indonesische Zollbeamte aussagten? Dass Corby wirklich nervös war und ihre Tasche nicht öffnen wollte? Hat sie tatsächlich am Flughafen zugegeben, dass ihr die Drogen gehören? Verteidigung und Staatsanwaltschaft haben Berufung eingelegt.

„Lebenslang wäre richtig“, meint Indonesiens Generalstaatsanwalt Abdul Rahman. Corby sei „Marihuana-Königin“, findet ein Kommentator in Jakarta. Dort riefen Demonstranten: „Drogenhändler Corby muss sterben.“ Es gehe nicht an, dass jemand mit Drogen lande und freikomme. Die Gesetze seien klar, niemand rege sich über andere Fälle auf. In Indonesien stehen 23 Ausländer vor ihrer Exekution wegen Drogenhandels. Jüngst waren zwei Thailänder und ein Inder hingerichtet worden. Beim jüngsten Todesurteil ging es um 300 Gramm Kokain, die ein Brasilianer bei sich hatte.

Vier Kilo, zwanzig Jahre Haft. Corby sei glimpflich davongekommen, finden viele Indonesier. In den nächsten zwei Instanzen könnte Corbys Strafe erhöht werden und die Reaktion in Australien noch viel schärfer ausfallen. Und doch gibt es auch Australier, die sich für die Wut einiger Landsleute schämen und ihnen Doppelmoral und Rassismus vorwerfen. Ein Talkshow-Gastgeber hatte Balis Richter „Affen“ genannt. Als am Donnerstag in Vietnam aber ein Australier wegen Drogenschmuggels zum Tode verurteilt wurde, regte sich niemand auf. Der Mann ist kein Weißer. Er hat asiatische Vorfahren.

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