Politik : Die Schule der Gewalt

JUGEND UND BRUTALITÄT

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Von Werner van Bebber

Ferienanfang in Berlin: Mit diesem Tag endet für Sawis, einen als Schulschläger berüchtigten jungen Mann, die Schulpflicht; er hatte mit den Fäusten mehrere Lehrer niedergeschlagen. Was hätte passieren können, wenn Sawis bewaffnet gewesen wäre? Wie der Schüler in Coburg, der gestern auf eine Lehrerin schoss und sich dann umbrachte. Fast zur gleichen Stunde stellte das Bundeskriminalamt in Wiesbaden eine Studie zur Jugendgewalt vor. Die hat eine auf den ersten Blick beruhigende Aussage: Nur fünf Prozent aller Schüler seien gewalttätig, nur ein begrenzter Kreis von jungen Leuten habe Probleme mit Aggressivität.

Das ist ein schwacher Trost und ein schwächelndes Argument dafür, die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen als Pubertätsleiden hinzunehmen. Polizisten, deren Forschungsgebiet die Straße darstellt, haben andere Eindrücke: Es mag eine kleine Minderheit sein, die immer wieder als Schläger und Räuber auffällt. Doch deren gewaltbereite Auftritte wirken in die Breite. Sie schüchtern alte Leute genauso ein wie die bedauernswerten Opfertypen, die so aussehen, als warteten sie nur darauf, bedroht zu werden.

Der Schulstress macht jetzt Sommerferien, aber eine andere Art von Stress geht für viele Kinder weiter. Täglich. Man kann diese Dauerspannung „Straßenstress“ nennen. Er baut sich dort auf, wo Jugendliche an Gewalt gewöhnt werden: in Großstadtgegenden, wo die Armen wohnen, in Einkaufszentren, wo Jugendliche die Nachmittage verbringen, oder vor den Diskos. Fast 300000 Mal standen Jugendliche im Jahr 2002 im Verdacht, Gewalt gebraucht zu haben: um sich Respekt zu verschaffen, um andere zu demütigen, um an Handys oder teure Jacken zu kommen. Weniger Vorfälle als 2001, sagen Statistiker. Aber Kriminalisten fügen hinzu: kein Grund zur Entwarnung.

Mit Recht. Eine kleine gewaltbereite Gruppe kann eine Straße tyrannisieren, ein Schwimmbad. Und gibt es da auch noch eine HomosexuellenSzene, kann es gut sein, dass die Schläger ihre Vorstellungen von Männlichkeit und Brutalität an Homosexuellen auslassen. Es sind vor allem männliche Brutalos, die auffallen. Aber Mädchengangs holen auf. Ihre Brutalität ist zum Erstaunen manches Polizisten noch heftiger als die der Jungen.

Die Ursachen sind bekannt: Die Täter sind Opfer. Sie alle haben es so gelernt. Als Kind Gewalt lernen, das passiert eher in „Unterschichtfamilien“. Aber noch wichtiger als die soziale Herkunft ist die Erziehung. Man konnte sich denken, was auch die neue BKA-Studie zeigt: Mangel an Liebe, zu viel Strenge, Schläge, Streit und eine gewisse Wackeligkeit in der Erziehung fördern Schlägerkarrieren.

Dass viele dieser Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft sind, ist ein alarmierender Teil des Phänomens, aber nicht der wichtigste. Auf die gleichen Ursachen würde man vermutlich stoßen, wenn man einen 16-jährigen Skinhead, der wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht steht, fragt, was er von zu Hause mitbekommen hat. So war es immer: Polizei und Justiz müssen nachhelfen, wo die Eltern versagt haben. Sie müssen die Beachtung von Regeln durchsetzen. Irgendwann muss es jeder lernen – oder er endet im Gefängnis.

Doch kann man der Studie noch etwas anderes entnehmen: Es wird Zeit, dass wir weniger über die Ursachen der Jugendgewalt und mehr über den Umgang mit ihr streiten – ohne Rücksicht, in welchem Outfit sie sich zeigt. Ob eine Gang 14-jähriger gewalttätiger Araber in Frankfurt oder Berlin oder ein tumber Trupp von Skinheads in Gransee: Beide stellen eine alltägliche Bedrohung dar. Sie sind ein heftiger Angriff auf zivilisierte Umgangsformen.

Finden wir uns damit ab? Es scheint, als hätten wir das schon getan. Wer darauf wartet, dass die jungen Schläger erwachsen werden, duldet eine dumpfe Stimmung von Gewalt. Wir haben uns an Jugendgewalt gewöhnt, weil wir sie unter falschen politischen Vorzeichen diskutiert haben. Wir haben viel über die Ideologie der richtigen und falschen Ausländerpolitik geredet und zu wenig über Regeln. Nun wissen wir alles über die gesellschaftlichen Ursachen. Aber wir wissen nicht mehr so genau, welche Regeln wir durchsetzen wollen. In den Schulen wird sich das nach dem Sommer wieder zeigen. Auf der Straße schon in den Ferien, an jedem Tag.

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