Politik : Die schwächere Hälfte

Fast 50 Prozent der Weltbevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Der Großteil lebt in Entwicklungsländern – Armut und Aids bedrohen das Leben der Jugendlichen

Merlind Theile

Alle 14 Sekunden infiziert sich ein Jugendlicher mit Aids, 14 Millionen Teenager jährlich bekommen ungewollt ein Kind. Das geht aus dem Jahresbericht des UN-Bevölkerungsfonds UNFPA hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Der Weltbevölkerungsbericht 2003, dessen Schwerpunkte die Gesundheit und Rechte von Jugendlichen sind, verzeichnet einen Rekord: Laut UNFPA lebten noch nie so viele Jugendliche auf der Welt wie heute – fast die Hälfte der 6,3 Milliarden Menschen ist unter 25 Jahre alt, allein 1,2 Milliarden sind zehn- bis 19-jährige Teenager. Der UN-Bericht zeigt ihre Probleme auf: 87 Prozent der Jugendlichen leben in Entwicklungsländern, 238 Millionen in extremer Armut. Die UNFPA fordert Investitionen in Gesundheit und Bildung dieser Jugendlichen – nur so lasse sich die weltweite Armut nachhaltig bekämpfen.

Sexualaufklärung und Verhütung spielen dabei laut UNFPA eine entscheidende Rolle. So erspare etwa eine einzige vermiedene HIV-Infektion einem Land wie Kenia knapp 30 000 Euro jährlich. Doch gerade in den Entwicklungsländern könnten sich Millionen Teenager nicht vor Aids und ungewollten Schwangerschaften schützen, weil ihnen Sexualaufklärung und Verhütungsmittel fehlten. Junge Mädchen seien besonders gefährdet: Unprofessionelle Abtreibungen und Komplikationen in der Schwangerschaft oder während einer Geburt gehörten zu den Haupt-Todesursachen junger Mädchen in Entwicklungsländern. So habe eine Studie in Äthiopien ergeben, dass Komplikationen während der Geburt für die Hälfte aller Todesfälle von Müttern verantwortlich sind. Zudem sei für Mädchen und Frauen das Risiko einer HIV-Infektion wesentlich größer, nicht zuletzt durch die Genitalverstümmelungen, die viele Mädchen in Afrika erleiden müssen. Indirekt sind auch nichtinfizierte Kinder und Jugendliche von der Seuche betroffen: 13 Millionen der unter 15-Jährigen hat Aids zu Halb- oder Vollwaisen gemacht.

Die Probleme sind bekannt, Beschlüsse gibt es längst: Bereits 1994 hatte die internationale Gemeinschaft in Kairo ein Aktionsprogramm verabschiedet, das Gesundheit und Bildung von Jugendlichen besonderen Vorrang einräumt. Im Jahr 2000 bekräftigten die Regierungschefs der Länder das Kairoer Programm und verabschiedeten die Millenniums-Entwicklungsziele. Bis 2015 wollen die Unterzeichner die Ausbreitung von HIV stoppen, die Sterblichkeit von Müttern und Kindern verringern, eine Grundbildung für alle gewährleisten und dadurch die Armut und den Hunger weltweit halbieren.

Hehre Ziele, doch laut Ulrike Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) bleiben die Regierungen der Industrienationen, vor allem die der USA, hinter ihren Zusagen zurück: „Die Regierung Bush hat vor zwei Jahren die Zahlungen an den UNFPA eingefroren, obwohl der Kongress bereits 34 Millionen Dollar bewilligt hatte“, sagte Bähr bei der Vorstellung des UN-Berichts. Von den vereinbarten sechs Milliarden Dollar Entwicklungshilfe hätten die reichen Länder bisher nicht einmal die Hälfte aufgebracht.

Bähr sieht eine wachsende Opposition gegen das Kairoer Gesundheitsprogramm – besonders das Recht Jugendlicher auf sexuelle Selbstbestimmung sei ein „Zankapfel“. Zwar stellten die USA 15 Millionen Dollar für Aufklärungsprogramme zur Verfügung, ein Drittel davon entfalle jedoch auf „Enthaltsamkeitsprogramme“. „Verhütung durch Enthaltsamkeit ist eine Illusion“, sagte Bähr. Durch frühe Verheiratung oder Versklavung seien viele Mädchen und Frauen gar nicht in der Lage, sich sexuell zu verweigern. Bähr sagte weiter, dass etwa 350 Millionen Paare weltweit verhüten wollten, aber keinen Zugang zu beispielsweise Kondomen hätten. „Damit setzen wir Leben aufs Spiel“, warnte sie.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) wies auf die Fortschritte bei der Bildung hin. Laut UN-Bericht wird die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern hier bis 2015 voraussichtlich in rund 90 Ländern behoben sein. Angesichts der weltweiten Analphabetenquote ein schwacher Trost: Unter den 15- bis 24-Jährigen können derzeit 57 Millionen Männer und 96 Millionen Frauen nicht lesen und schreiben.

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