Politik : Die Schweiz will den NS-Kollaborateur an Frankreich ausliefern

Felix Ruhl

Die Schweizer Polizei hat die Flucht Maurice Papons am Donnerstagabend beendet. Der in Frankreich verurteilte NS-Kollaborateur wurde in einem Hotel in Gstaad verhaftet und soll an Frankreich ausgeliefert werden. Weil der 89-Jährige angab, gesundheitliche Beschwerden zu haben, wurde er aber zuerst in ein Krankenhaus bei Bern eingeliefert. Als Exil für NS-Verbrecher hat die Schweiz damit an Attraktivität verloren. Die Tatsache, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit kein Bestandteil eidgenössischer Gesetzgebung sind, mag Papon dazu bewegt haben, in die Schweiz zu flüchten.

Der KZ-Arzt Mengele war in den 50er-Jahren noch von Südamerika aus zu Stippvisiten in die Alpen gereist, ohne behördlich verfolgt zu werden. Die Schweiz ist bis heute nicht der UN-Konvention von 1948 gegen Völkermord beigetreten. Doch dem internationalen Haftbefehl, den die Franzosen nach Papons Flucht erlassen haben, wird sich die Schweiz nicht widersetzen. Rasch ist den Strafverfolgungsbehörden gelungen, Papon in seinem Versteck aufzuspüren, nachdem dieser am Montag letzter Woche erstmals in der Schweiz gesehen worden war.

Nach Angaben seines Vertrauten Hubert de Beauford war Papon in die Schweiz gekommen, um einen Genfer Anwalt zu konsultieren. Residenz bezog er vier Tage lang im Drei-Sterne-Hotel Forum in Martigny. Dazu gehört auch das berühmte Lokal Le Gourmet, wo Papon, Zeugenaussagen zufolge, unerkannt zwei Tische neben dem Schweizer Wirtschaftsminister Pascal Couchepin dinierte. Am letzten Samstag verließ Papon, der stets unter dem Decknamen Laroche-Foucault auftrat, Martigny. Die Polizei des Kantons Waadt verfolgte erfolglos einen Hinweis, Papon halte sich in einem tibetischen Zentrum in Vevey auf. Andere Spuren führten angeblich nach Econe, wo die rechtsextremen Integristen ein fundamentalistisches relgiöses Institut betreiben. Im Hotel Rössli im Kurort Gstaad im Berner Oberland wurde die Polizei dann aber fündig.

Für Folco Galli, den Sprecher des Bundesamtes für Polizeiwesen, bestanden bereits vor Papons Verhaftung keine Zweifel, dass die Schweiz mit Interpol zusammenarbeitet. Zwar gäbe es den Straftatbestand eines Verbrechen gegen die Menschlichkeit, weswegen Papon zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, in dieser Form nicht. Die Ausrottung von Menschen wegen ihrer Religion stünde dagegen auch in der Schweiz unter Strafe und verjähre nicht.

Nach Hinweisen aus dem Bundesamt für Polizeiwesen, die im Lauf des gestrigen Tages an die Öffentlichkeit drangen, wird die Schweizer Justiz Papon umgehend nach Frankreich ausliefern. Es hieß, die Überstellung könnte noch am gleichen Tag erfolgen. Im letzten Jahr war Papon in Paris für schuldig befunden worden, als Beamter des Vichy-Regime zwischen 1942 und 1944 an der Deportation von 1500 Juden mitgewirkt zu haben. Während sein Revisionsgesuch lief, durfte Papon in Freiheit bleiben. Am Mittwoch dieser Woche hätte er sich jedoch bei der Polizei melden sollen. Am Donnerstag hatte das Kassationsgericht die Berufung abgelehnt.

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