• Die Selbstmordanschläge vom Sonnabend sollten die Präsidentin des Landes treffen - stattdessen könnten sie ihr politisches Überleben sichern

Politik : Die Selbstmordanschläge vom Sonnabend sollten die Präsidentin des Landes treffen - stattdessen könnten sie ihr politisches Überleben sichern

Gabriele Venzky

Sri Lankas Präsidentin Chandrika Kumaratunga hat am Sonntag ihre Amtsgeschäfte wieder aufgenommen, nachdem sie bei einem verheerenden Bombenanschlag am Samstag während der Abschluss-Wahlkampfveranstaltung ihrer regierenden Volksallianz leicht verletzt worden war. 33 Menschen wurden getötet und 137 zum Teil schwer verletzt. Ein Attentäter hatte sich mit einer Bombe unmittelbar vor der Rednertribüne in die Luft gesprengt, ein zweiter Anschlag galt dem Rathaus von Colombo. Nach Angaben der Polizei wurden 15 Personen festgenommen. Niemand zweifelt daran, dass diese Anschläge auf das Konto der aufständischen Tamilentiger (LTTE) geht, die ihre berüchtigten Selbstmordkommandos in Marsch gesetzt haben, um noch vor den Wahlen am Dienstag die Präsidentin und den Kandidaten der oppositionellen Vereinigten Nationalpartei (UNP), Ranil Wickremasinghe, zu töten. Gegen solche menschlichen Bomben, die immer wieder zuschlagen, und die im Sommer mit Neelan Tiruchelvam den wohl wichtigsten noch nicht ermordeten gemäßigten Tamilenpolitiker in die Luft gesprengt hatten, können alle Sicherheitsmaßnahmen der Welt nichts ausrichten. Auch nicht die Ausgangssperre, die über Colombo verhängt wurde.

Seit 16 Jahren herrscht Bürgerkrieg auf Sri Lanka. Teil dieses Irrsinns ist es, dass der Bombenanschlag vom Sonnabend der Präsidentin wohl helfen wird, die Wahlen zu gewinnen, weil er nicht nur Sympathiewähler mobilisiert, sondern auch die wahlmüden Bürger an die Urnen bringt, die nun auf eine harte, sprich militärische Lösung pochen. Denn bisher konnte es keineswegs als sicher gelten, dass die eigentlich liberal gesinnte Chandrika Kumaratunga abermals erfolgreich sein würde. Sie hatte die Wahlen im Oktober angesetzt. Daraufhin begannen die Befreiungstiger, die für einen eigenen tamilischen Staat namens Eelam im Norden und Osten der kleinen Insel kämpfen, die blutigste Offensive des Bürgerkriegs. In nur einer Woche überrannten die Rebellen den Teil des Landes, den die Armee unter hohen Verlusten in zweieinhalb Jahren den Tigern abgenommen hatte. Die Offensive kam so überraschend, dass in der Regierungsarmee Panik ausbrach und die Soldaten zu Tausenden desertierten. Mehr als 1000 Mann sollen die Streitkräfte verloren haben, ein Schlag, von dem sie sich nicht so schnell erholen dürften, während die Tiger mit reicher Kriegsbeute davonzogen, Waffen im Werte von mehreren Millionen Dollar, darunter Panzer und Artillerie. Seitdem vergeht kein Tag ohne Kämpfe.

Die jüngste Offensive der Tamilentiger bestärkt allerdings auch eine wachsende Zahl von Bürgern Sri Lankas, die bezweifeln, dass die Regierung die LTTE militärisch besiegen kann. Mehr als 70 000 Menschenleben hat dieser Krieg bisher gefordert. Die finanziellen Kosten sind so enorm, dass das Land, dem vor 20 Jahren der gleiche Fortschritt wie Singapur vorausgesagt war, im tamilischen Norden und Osten in tiefster, zerbombter Armseligkeit vegetiert und im Süden seit einer Generation auf der Stelle tritt. An den Stränden des Touristenparadieses hingegen, das auch für deutsche Urlauber immer noch hochattraktiv ist, gilt die Devise: alles normal. Zum ersten Mal steigen die Touristenzahlen in diesem Jahr wieder an.

Die Präsidentin ist in der Defensive, eine politische statt einer militärischen Lösung scheint der einzige Weg zu sein. Doch die Rebellentruppe, die anfangs für die legitimen Rechte einer unterdrückten Minderheit kämpfte, hat sich inzwischen zu einer terroristischen Bewegung mit faschistischen Zügen entwickelt. Ob er Gesprächspartner in Colombo hat oder nicht, ist LTTE-Führer Velupillai Prabhakaran ziemlich egal. Er und seine fanatische Anhängerschaft bleiben bei der Maximalforderung: Eelam, der eigene Staat, egal was das kostet.

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