Politik : Die sieben kleinen Spalter

NEUE LINKE?

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Von StephanAndreas Casdorff

Die Idee fehlt nicht. Das sozialdemokratische Milieu wird immer seltener. Wer da den Neoliberalen und Ökonomisten mal so richtig die Meinung sagt, der müsste doch Erfolg haben. Zumal ja die meisten, die allermeisten, in dieser Gesellschaft noch immer keine Besserverdiener sind. „Ihr da oben, wir hier unten“, mit diesem Titel ließen sich früher Bücher verkaufen – und heute noch Ideen?

Sie sind so frei, sich links zu nennen: die sieben, die jetzt – sechs als Sozialdemokraten – eine Partei links der SPD gründen wollen. Oder zumindest diskutieren, ungeachtet aller Drohungen mit Schiedsverfahren und Ausschluss. Und haben sie nicht auch Chancen? Ist es nicht so, dass das „S“ für sozial im Namen der Sozialdemokratie verwaist ist? Was fehlt noch, um Erfolg zu haben?

Dagegen steht, durch die Wissenschaft belegt: Die Zahl derer, die in großen Betrieben arbeiten und gewerkschaftlich organisiert sind, nimmt rasch ab. Immer weniger Menschen fühlen sich einer Partei fest verbunden und sind bereit, mit ihr durch dick und dünn zu gehen. Das Vertrauen in Moral und Kompetenz der Politiker geht stetig zurück, genauso wie die Zahl derer, die sich überhaupt noch in so großen Interessenvertretungen engagieren wollen. Die Erwartungen an eine Partei, wie sie sich präsentieren soll, sind stark verschieden.

Vielleicht fehlt dennoch nur der Kopf? Warum soll es den nicht auch auf der Linken geben: Einen Schill von links, sozialkonservativ, der den Leuten aufs Maul schaut und nach dem Mund redet, der aus dem Stand den Missmut der Menschen in Stimmen (für sich) umwandeln könnte. Ja, den könnte es vielleicht geben – wenn die, die auch die operative Kraft entwickeln könnten, mitmachen würden. Tun sie aber nicht. Oskar Lafontaine macht Wahlkampf für die SPD an der Saar, Gregor Gysi ist mit der PDS verbunden wie die mit ihrer SED-Vergangenheit. Die sieben von Nürnberg kennt keiner.

Sie werden auch nicht über Nacht berühmt werden. Scheitern werden sie, wie ihre Vorgänger von den „Demokratischen Sozialisten“ 1981/82. Von denen spricht heute keiner mehr. Die kleinen Spalter sind für die Sozialdemokraten weniger gefährlich als peinlich. Denn es zeigen sich die Versäumnisse der vergangenen Jahre umso deutlicher. Das Wichtigste: Die SPD hat (noch) nicht Abschied von der alten BRD genommen.

Sie diskutiert, wie ihre Programme zeigen, seit bald zweieinhalb Jahrzehnten, aber der Gegensatz zwischen „privatem Reichtum“ auf der einen und „öffentlicher Armut“ auf der anderen Seite ist nicht kleiner geworden. Das ist so wichtig, weil Sozialdemokraten in Städten zu Hause sind und sich hier zu einem großen Teil die soziale Wirklichkeit und die konkrete Lebensqualität der Menschen im Land entscheidet. Hinzu kommt, dass die Deutschen – in diesem Fall vereint – in der Krise das Rettende nicht links suchen. Wer wird gewählt, wenn es der deutschen Wirtschaft schlecht geht? Die Union, weil man ihr zutraut, dass sie besser mit Geld umgehen kann. Im Osten haben sicher die Jahre mit dem gescheiterten Sozialismus das Feld verbrannt; im Westen gilt, dass derjenige, der bewahren will, ja nicht diejenigen wählt, von denen er glaubt, dass sie doch eigentlich als Linke die Gesellschaft umstürzen wollen.

Die sieben waren so frei, eines deutlich zu machen: die Sehnsucht nach sozialer Sicherheit und Geborgenheit in Deutschland. Und wie die Reaktion zeigt: vor allem in der alten Bundesrepublik. Die Mehrheit hat sich noch nicht von der Volkssolidarität West gelöst, von der Erinnerung an gute alte Zeiten mit viel Staat und viel Umverteilung. Nicht allein Ostalgie, auch Westalgie ist die Gefahr. Nur wird nichts mehr wie früher.

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