Die Situation der syrischen Flüchtlinge : Ein Lager - so groß wie eine Stadt

400.000 Syrer sind nach Jordanien geflohen, täglich kommen tausende hinzu. Das Land ist überfordert. Eine Reportage aus dem größten Flüchtlingslager.

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Die Bewohne von Zaatari müssen nicht nur unter schwierigen Bedingungen ihren Lebensalltag organisieren, sondern auch gegen Langeweile ankämpfen. Denn Jobs sind rar. Wer Glück hat, wird zum Beispiel von Unicef zur Betreuung der vielen Kinder eingesetzt.
Die Bewohne von Zaatari müssen nicht nur unter schwierigen Bedingungen ihren Lebensalltag organisieren, sondern auch gegen...Foto: AFP

Wer Zaher al Kudsis winzige Welt betritt, kommt sofort ins Schwitzen. Die Hitze in seinem Ein-Raum-Zelt ist drückend wie in einer Sauna. Dabei scheint an diesem Apriltag nur die Frühlingssonne vom wolkenlosen Himmel. Richtig heiß wird es erst in den kommenden Sommermonaten. Bis auf 50 Grad kann dann die Temperatur steigen. Welche klimatischen Bedingungen im Juli oder August in der primitiven Behausung herrschen werden, möchte man sich lieber nicht vorstellen.

Doch was soll Zaher al Kudsi machen? Wo soll der 32-Jährige mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern hin? Sein Leben bietet seit einigen Wochen keine Alternativen mehr. Wie auch? Der Mann mit dem Schnauzbart und den dunklen Haaren ist einer von inzwischen schätzungsweise vier Millionen syrischen Flüchtlingen. Zaher al Kudsi lebt jetzt im Lager Zaatari. Gemeinsam mit mehr als 100 000 anderen Menschen, die das Bürgerkriegsland verlassen mussten und hier im Norden Jordaniens eine behelfsmäßige Unterkunft gefunden haben. Die Grenze ist zwar nur ein paar Kilometer entfernt. Doch die alte Heimat, zerstört durch nicht enden wollende Gewalt, existiert nicht mehr.

Vor dem Aufstand gegen Assad sind die Menschen einigermaßen über die Runden gekommen

Bevor der Aufstand gegen Syriens Machthaber Baschar al Assad begann, ist Zaher al Kudsi als Englischlehrer einigermaßen über die Runden gekommen. Eine bescheidene Wohnung, ein bisschen Geld. Nicht viel, aber genug zum Leben. Doch dann kam der Krieg nach Daraa. Die Stadt im Südwesten des Landes galt von Anfang an als Protesthochburg der Rebellen. Die Reaktion des Regimes ließ nicht lange auf sich warten. Panzer rückten in Daraa ein, Soldaten gingen nach Angaben der Opposition mit großer Härte gegen Demonstranten vor.

„Wir hatten einfach Angst“, sagt Zaher al Kudsi. Irgendwann hielten sie es nicht mehr aus und flohen. Ihr Gepäck bestand nur aus der bangen Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Grenze überquerte die Familie im Schutze der Nacht und mithilfe der Kämpfer der Freien Syrischen Armee. Von den Jordaniern wurden sie morgens registriert und direkt nach Zaatari gebracht. Dort, wo die Weltgemeinschaft versucht, ihnen ein halbwegs menschenwürdiges Zuhause zu ermöglichen. Ein vorübergehendes, heißt es. Eines auf Dauer, ahnt man

Alle wollen nach Syrien zurück

Zaher al Kudsi würde allerdings derartige Überlegungen für sich selbst und die Familie wohl entschieden zurückweisen. Im hellen Polohemd, dunkelblauer Trainingshose und Sandalen steht er vor dem mit gelblichem Staub überzogenen, einstmals weißen Zelt und sagt, als sei es eine Selbstverständlichkeit: „Ich will auf jeden Fall nach Syrien zurück. Lieber heute als morgen!“ Die umstehenden Männer nicken zustimmend. Das sei schließlich hier kein Leben, fügt er leise hinzu und zeigt auf seine wenige Quadratmeter kleine Unterkunft. Auf dem von einem einfachen Teppich bedeckten Boden liegen vier dunkelgraue Matratzen. In einer Ecke stehen hohe Glasgefäße mit eingelegtem Gemüse. Dazu Oliven und etwas Fladenbrot. Im hinteren Teil des stickigen Zeltes stapeln sich ein paar Blechtöpfe, daneben ein kleiner Kocher und eine Teekanne. Von einer Plastikstange herab baumelt eine Leitung samt Glühbirne. Zaher al Kudsi schaut sich um und zuckt mit den Schultern. So als wolle er sagen: Seht her. Wie soll man unter diesen Bedingungen ein halbwegs erträgliches Leben führen?

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