• DIE SITUATION IN AFGHANISTAN Der Einsatz der deutschen Soldaten und die zunehmende Gewalt: „Dann sahen wir nur noch Blut“

DIE SITUATION IN AFGHANISTAN Der Einsatz der deutschen Soldaten und die zunehmende Gewalt : „Dann sahen wir nur noch Blut“

Wie ein Bundeswehrsoldat am Hindukusch einen Anschlag überlebte – und warum er doch wieder hin will

Sandra Dassler

Gerade hat der 34-Jährige seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Und die Kameraden angerufen, die mit ihm überlebten. „15. Oktober, 15.26 Uhr“, sagt Roland Reuter (Name geändert) nachdenklich. Da fuhr er mit anderen Bundeswehrsoldaten in mehreren gepanzerten Fahrzeugen über den Markt von Faisabad im Nordosten Afghanistans. Der Platz wimmelte von Menschen, darunter viele Kinder. Dass plötzlich ein Esel auf die Straße lief, war nicht ungewöhnlich in der 9000-Einwohner-Stadt. Das Tier kam auf das Fahrzeug zu, in dem Reuter saß. „Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall“, erzählt er: „Wir haben nichts mehr gesehen und dann nur noch Rot. Blut. Ich bin sofort in den Selbstschutzmodus gegangen.“

„Selbstschutzmodus“ heißt, man tastet sich und seine Kameraden nach Verletzungen ab. Der Adrenalinausstoß ist in solchen Momenten so hoch, dass man keine Schmerzen spürt. Reuter hatte Glück. blieb dank des gepanzerten Fahrzeugs unverletzt. In wenigen Wochen geht er wieder nach Afghanistan – zum dritten Mal.

„Ich weiß nicht, wie viele afghanische Zivilisten an diesem 15. Oktober 2006 getötet wurden“, sagt er: „Erschüttert waren wir, dass ein kleines Mädchen unter den Schwerverletzten war.“ Der Oberfeldwebel aus Berlin hat selbst zwei Mädchen im Vorschulalter. Und eine Ehefrau, die nie verstehen wird, dass er im Februar an den Hindukusch zurückkehrt. Obwohl immer mehr Bundeswehrsoldaten dort fallen.

„Schon als Kind wollte ich Soldat werden“, sagt Reuter und schmunzelt. „Die Alliierten sind schuld. Schon als 5-jähriger Knirps hat mich mein Vater immer zum Tag der Offenen Tür bei den französischen Soldaten mitgenommen.“ Nach der Maurerlehre wurde er Feldjäger. Spezialisierte sich auf Personenschutz und meldete sich 2003 freiwillig für in Afghanistan. „Ich wollte das, was ich gelernt hatte, auch im Ernstfall umsetzen. „Natürlich war Abenteuerlust dabei und viel Naivität. Man kann sich vorher nicht vorstellen, was einen da unten erwartet.“

Wie alle Soldaten, die nach Afghanistan gehen, hat Reuter vorher sein Testament gemacht. Familienbetreuungszentren, die es an vielen Standorten der Bundeswehr gibt, haben Merkblätter vorbereitet, damit die Soldaten alles genau regeln – bis hin zur Kontovollmacht für die Frau. Irgendwann ging es dann los: „Man steigt in einer heilen Welt mit guter Luft in den Flieger“, sagt Reuter, „und landet nach einem Zwischenstopp in Kabul, auf 2000 Metern Höhe mit immenser Luftverschmutzung. Das erste, was einem auffällt, sind die vielen Kinder und das Fehlen von Farbe. Alles ist in einem grau-braunen Lehmton gehalten.“

Mit seiner Spezialisierung als Personenschützer war Reuter für die Sicherheit eines Generals zuständig. Der kümmerte sich um den Aufbau von Institutionen, hielt Kontakt zu Behörden und zur Polizei, traf sich mit Präsident Karsai und Stammesfürsten. Reuter war immer dabei. Er schenkte Kindern Schokoriegel, er griff – vorschriftsgemäß – nicht ein, wenn ein Mann seine Frau auf offener Straße halbtot prügelte, er ließ sich von Männern anspucken, für die er ein Besatzer war. „Aber mitzuerleben, wenn eine neue Schule eröffnete, wog alles auf“, sagt er. „Oder ein neuer Brunnen. Das bedeutet sauberes Wasser, Hoffnung, Leben.“

Im Juni 2003 sprengte sich ein Attentäter neben einem Bundeswehrbus in die Luft. Vier Männer starben, 29 wurden zum Teil schwer verletzt. Reuter sah die Verletzten. „Ich hab’ versucht, soldatisch zu denken. Nicht zu viel Gefühl zulassen. Zuerst kommt der eigene Schutz und der Schutz der Kameraden.“ „Soldatisch denken“ verlernt man nicht mehr. Als er 2003 nach dreieinhalb Monaten nach Hause kam, ging er zuerst mit seiner Familie zu McDonalds. „Da hab’ ich mich ertappt, dass ich mich mit dem Rücken zur Wand setzte, sofort checkte, wo der Ausgang und der Notausgang waren und wo sich ein Hinterhalt befinden könnte.“

Er habe gelernt, mit der Angst zu leben. Da unten habe jeder Angst. Man dürfe nur nicht mit seinem eigenen Tod rechnen – sonst trete der auch ein, eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung. Mehr als den Tod fürchtet der Berliner aber, nach einer Verletzung schwerstbehindert zu sein und seiner Familie zur Last zu fallen.

Dennoch ist er 2006 wieder nach Afghanistan gegangen. Inzwischen hatte sich die Sicherheitslage völlig verändert und die Zahl der Anschläge drastisch erhöht. „Wir wurden nun nicht mehr nur mit versteckten Feinden, sondern auch direkt mit den Taliban konfrontiert“, sagt er. „In normalen Bussen fuhren deutsche Soldaten längst nicht mehr. Und niemand stieg mehr aus einem Panzerauto aus, wenn ein Reifen platzte. Aber wir halfen immer noch, die Infrastruktur aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Wir haben immer noch Wasser und Lebensmittel verteilt.“

Deshalb traf ihn der Anschlag im Oktober 2006 so hart. „Wir haben doch den Menschen nur geholfen“, sagt er. Darüber hat er damals lange gegrübelt – als er mit seinen Kameraden im Camp psychologisch betreut wurde. Zuhause anrufen und sagen, dass er noch lebte, ging ohnehin nicht. „Bei Anschlägen werden alle Telefone gesperrt. Man will sicher sein, dass Gespräche nicht mitgehört, Daten von Angehörigen nicht ausspioniert werden.“ Deshalb dürfen die Bundeswehrsoldaten auch keine privaten Handys benutzen. Es ist vorgekommen, dass Frauen in Deutschland angerufen wurden mit der Falschmeldung: „Ihr Mann ist gefallen.“ Auch Drohungen an Familienangehörige gab es. Deshalb will Reuter auch seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Dass der Bundestag die Fortführung des Einsatzes beschlossen hat, findet er richtig. Unter einer Bedingung: „Man muss zugleich viel mehr Geld aufbringen, um dort die Bildung zu verbessern und so auf Dauer die Armut zu bekämpfen.“ Die Debatte, ob am Hindukusch ein Krieg stattfindet oder nicht, erscheint ihm hingegen eher müßig. „Ich gehe im Februar nicht dorthin, um gegen jemanden Krieg zu führen“, sagt er. „Wenn ich aber angegriffen werde und mich verteidigen muss, wenn es zum Schusswechsel kommt, dann ist das natürlich Krieg. Was soll es denn sonst sein?“

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