Politik : Die Söhne von Kraljevo verweigern sich Präsident Milosevic

Gillian Sandford

Viele Männer schicken ihre Einberufung mit "nein" zurück - sie wollen nicht das Vaterland, sondern schlicht ihren Kopf rettenGillian Sandford

Fast ein Jahr ist es jetzt her, doch Zatlana Jasovic trägt noch immer schwarz. Die Serbin trauert. Sie trauert um ihren Sohn. Denn der wurde im vergangenen Jahr eingezogen, um im Kosovo zu kämpfen. Zurückgekehrt ist er nicht. "Ich weine Tag und Nacht", klagt Zatlana. "Es zählt nicht, wie viele Kinder man hat. Selbst wenn es zehn sind und nur eines stirbt - die Trauer ist doch die gleiche."

Aus einer Plastiktüte kramt Zatlana einen vergilbten Briefumschlag hervor. "Hier ist ein Zertifikat, das sie ihm gegeben haben, als er Blut gespendet hat", erinnert sie sich. Dann stößt Zatlana auf ein Foto von drei fröhlichen Krankenschwestern und bricht endgültig in Tränen aus: "Er hat sie um ein Erinnerungsfoto gebeten." Auf der Rückseite haben alle drei unterschrieben. Das war kurz bevor Miloslav Jasovic in das Kosovo aufbrach. Dort landete er in einer Einheit ganz in der Nähe der albanischen Grenze. Wenige Tage später war der 39-Jährige tot.

Miloslavs Bruder hat keine Zeit mehr zu trauern - er will dessen Todesursache herausfinden. Jedes Detail versucht Jivota aufzuklären. Es sind die Kleinigkeiten, die zählen. Denn für den Tod seines Bruders gibt es drei verschiedene Versionen.

Zunächst bekam Jivota einen Brief der Armee: Im Kampf gegen die albanischen Terroristen sei Miloslav gestorben, um sein Vaterland zu verteidigen. "Das alte Märchen vom Heldentod", meint er. Doch als die Überlebenden von der Front heimkehrten, erzählten sie ihm eine ganze andere Geschichte: Als sich die jugoslawische Armee zurückgezogen habe, hätten die Soldaten mit Granaten umher geschossen. Eine verpasst ihr Ziel - und tötet Miloslav. Schließlich erzählte man Jivota dann im Hauptquartier der jugoslawischen Armee in Nis noch eine dritte Version. Sein Bruder sei in einem Luftangriff der Nato gestorben. Doch Jivota glaubt kein Wort: "Warum sollten mich die Kameraden meines Bruders denn belügen?"

"Für seinen persönlichen Einsatz bei der Verteidigung seines Vaterlandes und seinen Mut im Kampf gegen die Gangs aus dem Kosovo", stand auf der Medaille geschrieben, die der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic dem gefallenen Milosav verliehen hat. Doch als der Überbringer des Ordens an der Tür klingelte, hat ihn Jivota wieder nach Hause geschickt. Mit ihrem Schicksal sind die Jasovics bei Leibe kein Einzelfall. Aus ihrer Region mussten ungewöhnlich viele Männer in Milosevics blutige Kriege ziehen - schlicht wegen eines Fehlers der Politik.

Doch das soll sich jetzt ändern: In den letzten Wochen machte die Armee wieder mobil. Zu ihrer Verwunderung haben sich die Männer aus Kraljevo erstmals verweigert. So zum Beispiel Dragica Ratkovic. Er kämpfte in sämtlichen Kriegen der letzten Jahre. Heute ist er einer der Anführer der Männer, die sich weigern, nochmals zu kämpfen und ihr Leben zu riskieren. Ihren Einberufungsbescheid haben sie mit einem lapidaren "nein" zurückgeschickt und dann sind sie auf die Straße gezogen, um zu demonstriern. "Diese Männer haben ihre Zeit gedient", beklagt sich Dragica. Jetzt sei die Zeit der Belgrader gekommen, denn die wären bisher weitgehend verschont geblieben. Glatt hat sich das Militär die Aufforderung zu Herzen genommen und eine Delegation geschickt, um mit den Reservisten zu verhandeln. Mit der Unterstützung der oppositionellen Lokalregierung können die Männer jedenfalls rechnen: "Die Forderungen der Reservisten sind die Forderungen unserer Bevölkerung", meint der Kreisvorsitzende der Demokratischen Partei, Zvonko Obradovic. Und Dragica fügt hinzu: "Die Leute haben endlich verstanden, dass es nicht darum geht ihr Vaterland, sondern ihren eigenen Kopf zu retten. Es reicht, dass der Westen uns seit zehn Jahren allesamt als Kriegsverbrecher und Schlächter beschimpft."

Kurz nachdem die Reservisten mit ihrem Protest begonnen hatten, haben sie auch bei der lokalen TV-Station ein Statement verlesen - um das ganze Land über ihren Protest zu informieren. Wenige Tage später ließ Milosevic den Sender schließen. Doch das wollen sich die Menschen in Kraljevo nicht mehr gefallen lassen. Zehntausende haben sich in der Stadtmitte versammelt, um zu protestieren: Für das Fernsehen und gegen Milosevic. Erstmals kamen auch führende Oppositionspolitiker aus Belgrad zu Hilfe - eine der größten Veranstaltungen gegen das Regime.

Inmitten der Menschen hielt ein kleiner Junge ein Plakat in die Luft: "Kraljevo ist die Welt", stand da geschrieben, in Anspielung auf die Belgrader Massenproteste von 1996, als dieses Motto schon mal verwendet wurde. Wird die endgültige Revolution also in Kraljevo beginnen? "Das will ich doch hoffen", meint Obradovic. "Wir werden es ihnen allen zeigen: Kraljevo ist die Welt."Aus dem Englischen von Johannes Keienburg

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