Politik : „Die soziale Lage ist nicht entscheidend“ Schulforscher Prenzel über Pisa-Ergebnisse

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Wie lässt sich das gute Abschneiden von SachsenAnhalt beim aktuellen Pisa-Test erklären – einem strukturschwachen und von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Land?

In Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bremen gibt es deutliche Leistungszuwächse, die unter sehr ungünstigen Rahmenbedingungen erzielt wurden. Die sozioökonomische Situation einer Region determiniert also in keiner Weise die Ergebnisse. Wenn es so wäre, könnte die Bildungspolitik einpacken oder Lehrkräfte könnten aufhören, guten Unterricht zu machen.

Hamburg macht den Eindruck einer prosperierenden und kreativen Stadt, trotzdem schneidet es schlechter ab als das arme Berlin. Was läuft schief in Hamburgs Schulen?

Hamburg hat wie Berlin eine extrem breite Streuung der sozialen Milieus. In beiden Städten gibt es eine hohe Quote von sozial Schwachen – und eine hohe Akademikerquote. Hamburgs spezielles Problem könnte sein, dass es sich bis jetzt den Pisa-Schock erspart hatte. Genau wie in Berlin ist Pisa 2003 für Hamburg die erste Schuluntersuchung nach internationalen Standards.

Was raten Sie leistungsorientierten Eltern im Norden: In den Süden umziehen?

Wenn wir für Länder Durchschnittswerte feststellen, heißt das nicht, dass alle Schulen schlecht sind. Auch in Stadtstaaten finden ambitionierte Eltern ja Schulen, die ihren Kindern gute Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Allerdings gibt es auch an solchen Schulen unterschiedlich gute Lehrkräfte. Ein Umzug muss also nicht ins Paradies führen.

Bayern hat ein stark gegliedertes Schulsystem – und schaffte den Anschluss an die internationale Spitze. Ist damit die Diskussion um die Gesamtschulen beendet?

Die Schulform ist nur eine unter 20 bis 30 anderen Bedingungen. Entscheidend sind auch Unterrichtsqualität, Lehrerbildung und -fortbildung, die Frage, wie die Schulleitung funktioniert oder ob man Lehrern und Schülern Leistungsanreize bietet. Bei der Schulform muss jedes Land eigene Wege gehen, in Hinblick auf die Tradition und auf die Akzeptanz bei den Eltern.

Sie haben den Migrationshintergrund und die soziale Herkunft der Schüler in den Ergebnissen der Bundesländer über einen Index herausgerechnet. Trotzdem bleibt die Rangfolge der Länder etwa gleich. Warum?

Es wird immer vergessen, dass es auch in Bayern und Baden-Württemberg viele Schüler mit Migrationshintergrund gibt. Es wirkt sich aus, wenn beide Eltern aus dem Ausland stammen: Auch in Bayern schneiden solche Schüler etwas schlechter ab als Kinder mit zwei deutschen Elternteilen. Aber Pisa 2000 zeigte: Die bayerischen Migranten können mit deutschen Schülern in anderen Bundesländern mithalten.

Die SPD-regierten Länder setzen weiter auf den massiven Ausbau der Ganztagsschule. Ist sie die Lösung für die Probleme schwacher Schüler?

Nur die Schulzeit zu verlängern ist witzlos. Das Nachmittagsprogramm muss attraktiv sein, gerade für Jugendliche. Es muss ihre Interessen ansprechen, viele Lerngelegenheiten geben – ohne dass es als Schule erlebt wird. Dazu müssen die Schulen Partner finden.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Manfred Prenzel (53) ist Direktor des

Instituts für die

Pädagogik

der Naturwissenschaft (IPN) an der

Universität Kiel und leitete Pisa 2003 in Deutschland.

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