Politik : Die Sphinx im NATO-Hauptquartier

THOMAS GACK

Sein Schritt ist unüberhörbar wie das Sporenklirren der Kavallerieoffiziere seiner Majestät.Dabei trägt Air Commodore David Wilby keine Stiefel, sondern zivile Halbschuhe.Wenn um 14 Uhr 50 der Schritt im Pressesaal zu hören ist, steht den 300 Journalisten und Kameramännern im NATO-Hauptquartier der Höhepunkt der Tages bevor: die Pressekonferenz mit Jamie Shea, Sprecher des NATO-Generalsekretärs, und Air Commodore David Wilby, der für die militärische Seite informiert.

Für seinen Auftritt hat sich Wilby knapp eine Stunde vorbereitet.Direkt neben dem Arbeitssaal der Presse sind kleine Büros abgetrennt, in denen seine Mitarbeiter über Computer direkt mit dem SHAPE-Hauptquartier im 60 Kilometer entfernten Mons verbunden sind.Der Air Commodore - der britische Rang für einen Luftwaffen-General - steht locker in seiner Fliegerjacke hinter den uniformierten Computerfachleuten, die aus dem Zentralcomputer die Landkarten, Zielfotos und Videoclips ziehen.Wenige Minuten vor der Pressekonferenz zieht Wilby den stahlblauen Uniformrock an.

Wilby, der in den sechziger Jahren seine Karriere als Jetpilot auf einem Fliegerhorst in Deutschland begann, verkörpert die britischen Offizierstugenden: fachliche Kompetenz, Nüchternheit, Festigkeit, Ruhe und Selbstvertrauen.Diese Eigenschaften haben ihm den Spitznamen "Sphinx" eingetragen.Mit seinem Understatement strahlt er eine Aura der Glaubwürdigkeit aus, die selbst dann nicht erschüttert wird, wenn er einmal seine am Vortag gelieferten Informationen korrigieren muß.Bevor Wilby ins NATO-Hauptquartier versetzt wurde, war er als Verbindungsoffizier zwischen UNO und NATO in Zagreb stationiert.Auf seinem unbeweglichen Gesicht zeichnet sich weder Freude über Erfolge noch Enttäuschung über das verfehlte Ziel der NATO-Aktionen ab.Commodore Wilby macht seine Arbeit - und macht sie professionell.

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