Politik : Die Spiele des Bischofs Vangheluwe

Eine Missbrauchsbeichte im Fernsehen löst in Belgien einen Sturm der Entrüstung aus

Foto: REUTERS

Brüssel - Ein Fernsehinterview des wegen sexuellen Missbrauchs eines Neffen vor einem Jahr zurückgetretenen belgischen Bischofs Roger Vangheluwe hat in Belgien für Entsetzen gesorgt. Der amtierende Ministerpräsident Yves Leterme sagte am Freitag im Fernsehsender RTBF, das Interview überschreite die Grenzen des Erträglichen. Die Kirche müsse ihre Verantwortung übernehmen. Belgiens Bischöfe nannten das Gespräch extrem verletzend für die Opfer und ihre Familien und eine Ohrfeige für die Gläubigen.

Vangheluwe hatte in dem Interview Übergriffe gegen einen Neffen eingeräumt. In dem am Donnerstagabend im privaten flämischen Fernsehsender VT4 ausgestrahlten Gespräch bestätigt der heute 74-Jährige, ab 1973 einen Neffen über 13 Jahre hinweg und einen weiteren über ein Jahr missbraucht zu haben. Er habe sich dabei nie als Pädophiler gefühlt. Vielmehr habe sich im Laufe der Zeit eine Intimität eingestellt. Er habe nicht das Gefühl gehabt, sein Neffe widersetze sich dem Geschehen. Alles habe „als Spiel“ begonnen, so Vangheluwe.

Die Übergriffe hätten sich regelmäßig wiederholt, wenn die Familie des Neffen zu Besuch gekommen sei. Es sei niemals zu Vergewaltigung, körperlicher Gewalt, Penetration oder einem Orgasmus gekommen. Er habe seine Taten auch regelmäßig gebeichtet und sei sich bewusst gewesen, dass sie nicht rechtens seien.

Belgiens Politiker reagierten entsetzt. Justizminister Stefaan de Clerck nannte Vangheluwes Verhalten eine Schande und eine Verspottung der Opfer und der eigenen Familie. Die flämischen Sozialisten verlangten, Vangheluwe seine Pension in Höhe von monatlich 2 800 Euro zu sperren.

Die belgischen Bischöfe distanzierten sich ausdrücklich von den Äußerungen Vangheluwes. Sie seien schockiert von der Art und Weise, wie er seine Taten herunterspiele und entschuldige, hieß es in einer Erklärung. Vangheluwes Vorgehen widerspreche dem von Rom auferlegten Reflexionsgebot. Der Ton des Interviews laufe allen Anstrengungen zuwider, die in den vergangenen Monaten unternommen worden seien, um die Missbrauchsproblematik ernsthaft zu behandeln.

Der in der Bischofskonferenz für Missbrauchsfälle zuständige Bischof Guy Harpigny sagte, Vangheluwe sei womöglich krank. Vangheluwes Nachfolger als Bischof von Brügge, Josef De Kezel, äußerte die Erwartung, dass das Interview bei der abschließenden Entscheidung Roms über seinen Fall eine Rolle spielen werde. Am vergangenen Wochenende hatte der Vatikan bekannt gegeben, dass Vangheluwe Belgien verlassen und sich einer psychologischen Betreuung unterziehen müsse. Mit seinem Missbrauchs-Geständnis und seinem Rücktritt hatte der Bischof die katholische Kirche in Belgien Ende April 2010 in eine tiefe Krise gestürzt. KNA

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