Politik : Die Spießer sterben aus

Von Harald Martenstein

-

Für heute wird diese Kolumne ausnahmsweise umbenannt in „Was macht Kreuzberg“ (WmK). Seit Tagen wird nämlich in dieser und anderen Zeitungen eine Debatte darüber geführt, ob in Kreuzberg, dem letzten McDonald’s-freien Gemeinwesen Deutschlands, ein McDonald’s-Restaurant eröffnet werden darf. Das ist endlich mal eine völlig neue Debatte in Deutschland.

Die Kreuzberger „Szene“, was immer das ist, will die Restauranteröffnung verhindern, weil McDonald’s angeblich so wenig nach Kreuzberg passt wie ein Gebäude mit falscher Traufhöhe auf die Friedrichstraße, ein Nacktputzer in den Vatikan oder eine Gauloise ohne Filter nach Kalifornien. Der Kreuzberger Bundestagsabgeordnete Ströbele ist auch dieser Ansicht. Die ganze Sache wird in diesem Blatt als ein weiterer Beweis für die Intoleranz und das Spießertum der Kreuzberger Szene bewertet.

WmK meint, es ist an der Zeit, dass sich auch mal jemand aus Kreuzberg zu dieser Frage äußert. WmK zum Beispiel.

Sicher, im Zweifelsfall steht man stets auf Seiten der Freiheit, auch WmK isst gelegentlich Hamburger. Dass die Kreuzberger Alternativszene spießig und intolerant ist, insofern, als sie ihre eigene Lebensweise für die allein selig machende hält, steht ebenfalls fest. Gleichzeitig teilt WmK das Unbehagen vieler Zeitgenossen darüber, dass die Welt gleichförmiger wird, überall die gleichen Filialketten, die gleichen Reklameschilder, die gleichen Meinungen. Ist es das, was bei der Freiheit hinten herauskommt? Überall Parfümerie Douglas und Rudis Reste-Rampe?

WmK stellt sich eines dieses wunderbaren bayerischen Gebirgsdörfer vor, mit Zwiebelturm. Jetzt wollen sie also in, sagen wir, Dagltupfing die Go-go-Bar „Amore totale“ eröffnen, in Breitkirch eine Reste-Rampe und in Mariaeschnupftuch einen Pokerklub. Die dortigen Spießer sind dagegen. Die Seele von WmK, diesem Freund der Freiheit, ist gespalten, weil in ihm drin eine Stimme raunt: „Da entsteht gerade eine Einheitskultur auf der Welt, ausgerechnet im Namen der Toleranz verschwindet vielerorts das Besondere, und vielleicht haben die Spießer ja Unterstützung verdient, wenn sie keinen Pokerklub wollen in Mariaeschnupftuch. Sollen die Leute halt in München pokern.“

Die Spießer sterben aus. Die Machtverhältnisse sind klar, das McDonald’s wird eh kommen. Und Dagltupfing kriegt seine Go-go-Bar, bloß beim Nacktputzen im Vatikan sehe ich noch für mindestens fünfzig Jahre schwarz. Deswegen findet WmK den Papst eigentlich ganz okay.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben