Politik : Die Spur der Kappe

Schwedens Behörden glauben, den Mörder von Lindh überführt zu haben – durch DNA-Material aus dem Kaufhaus

Sven Lemkemeyer

Ist es der Durchbruch im Mordfall Anna Lindh? Die schwedische Polizei scheint sich diesmal sehr sicher zu sein. Einen Tag nach der überraschenden Wende in den Ermittlungen zum Tod der durch mehrere Messerstiche am 10. September tödlich verletzten Außenministerin gehen die Fahnder davon aus, dass der am Mittwoch festgenommene 24-jährige Mann mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder ist. Es bestünden „glaubhafte Gründe“ für diese Annahme, erklärte Polizeisprecherin Stina Wesseling am Donnerstag. Und auch die Stockholmer Staatsanwaltschaft hat diesmal offenbar wenig Zweifel: 48 Stunden vor Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Frist und noch vor dem ersten offiziellen Verhör des neuen Tatverdächtigen stellte Staatsanwältin Agneta Blidberg am Donnerstagmorgen Antrag auf Untersuchungshaft. Gegen den Mann bestehe ein „dringender Tatverdacht“.

Diese Formulierung ist schärfer als der „hinreichende Verdacht“ wegen dem der zunächst hauptverdächtige 35-jährige Mann acht Tage lang festgehalten worden war, bevor er Mittwoch freigelassen wurde. Zudem wurde im neuen Fall eine zweiwöchige U-Haft beantragt. Das zuständige Gericht soll am heutigen Freitag über den Antrag entscheiden. Der festgenommene 24-Jährige bestreitet allerdings nach Angaben seines Anwalts Peter Althin ebenfalls jede Beteiligung an der Tat in dem Stockholmer Kaufhaus NK.

Polizeisprecherin Wessling sagte, der 24-Jährige sei bereits in früheren Phasen der Ermittlung aufgefallen. Aber erst am Mittwoch, zwei Wochen nach dem Attentat auf Lindh (46), habe sich der Verdacht gegen ihn erhärtet. Weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft wollten am Donnerstag Medienberichte bestätigen, DNA-Spuren, also der genetische Fingerabdruck, würden den Mann überführen. Die seriöse Tageszeitung „Dagens Nyheter (DN)“ berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, das auf der vom Mörder im Kaufhaus weggeworfenen Baseballkappe gefundene DNA-Material stimme mit einer Haarprobe des Mannes überein. Die Ermittler sind demnach davon überzeugt, dass der Festgenommene identisch mit dem Mann auf den Bildern der Kaufhaus-Überwachungskameras ist, die drei Minuten vor der Tat gemacht wurden. „Er ist es“, zitiert „DN“ ein Mitglied aus der Fahndungsleitung. Wie die Zeitung weiter schreibt, habe der Mann psychische Probleme und kurz nach dem Attentat deshalb in einem Krankenhaus um Behandlung gebeten. Dort sei er jedoch aus Platzgründen abgewiesen worden. Der Mann sei krankhaft auf Prominente fixiert, drogenabhängig und sei unter anderem 1997 wegen Messerangriffs auf seinen Vater verurteilt worden. Ähnliche Angaben veröffentlichten auch die Boulevardzeitungen „Expressen“ und „Aftonbladet“. In den Berichten heißt es übereinstimmend, der Mann habe unmittelbar nach dem Attentat sein Äußeres durch einen kürzeren Haarschnitt und Manipulation der Augenbrauen verändert.

Unterdessen wuchs in Schweden die Kritik an der Berichterstattung über den zunächst festgenommenen 35-Jährigen. Neben Kulturministerin Marita Ulvskog kritisierte auch der Stockholmer Professor Håkan Hvitfelt, dass „besonders die Boulevardpresse zu weit gegangen sei“ und intime Informationen über den Mann und sein Privatleben veröffentlicht habe, „obwohl er nur verdächtigt wurde“, sagte er „DN“. Der Anwalt des 35-Jährigen, Gunnar Falk, kündigte am Donnerstag umfassende Schadenersatzklagen gegen schwedische Medien an.

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