Politik : "Die Spur der roten Sphinx": Ein abstruser Vorwurf führt ins Zuchthaus

Karl Wilhelm Fricke

Die Szene bleibt ihr ein Leben lang unvergesslich. In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 1948 wird die Journalistin Annerose Gröppler aus dem Schlaf gerissen. Fünf Männer dringen in ihre Wohnung in Halle ein, zwei Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, ein Dolmetscher und zwei Männer von K5, dem Kommissariat der Volkspolizei für "politische Strafsachen". Der Durchsuchung folgt die Festnahme der damals 25-Jährigen.

Sie war zuletzt als stellvertretende Chefredakteurin der "Liberal-Demokratischen Zeitung" tätig gewesen, dem Blatt der LDPD für Sachsen-Anhalt. Nach drei Monaten Untersuchungshaft im "Roten Ochsen" verurteilte sie das sowjetische Militärtribunal (SMT) wegen "Spionage" zu 25 Jahren Arbeitserziehungslager.

Trotz der abstrusen Beschuldigung muss die Journalistin, Mutter einer damals zweijährigen Tochter, fast zwölf Jahre in Gefängnissen, im Speziallager und in Zuchthäusern zubringen, bis 1950 unter sowjetischer Verantwortung, danach in DDR-Zuständigkeit. Halle, Bautzen, Sachsenhausen, Hoheneck, Brandenburg-Görden und wieder Halle. Am 25. Oktober 1959 öffnete sich das Zuchthaustor. Sie verließ die DDR und arbeitete viele Jahre bei der Deutschen Welle.

Viereinhalb Jahrzehnte nach ihrer Verurteilung, am 21. Juni 1993, wurde Annerose Matz-Donath von der Militär-Generalstaatsanwaltschaft in Moskau voll rehabilitiert. "Schuld- und grundlos verhaftet" und "rechtswidrig" verurteilt, "aus politischen Gründen". So ist es schwarz auf weiß dokumentiert. Ein deutsches Schicksal im 20. Jahrhundert. "Das Aufschreiben war eine Qual", bekennt die Autorin. Denn während der rund 130 Interviews, die sie mit ehemaligen Leidensgenossinnen führte, wurde die Erinnerung an ihre Vergangenheit immer wieder wach.

Die Lektüre ist bedrückend. Die Formulierungen sind anklagend, verbittert und nicht frei von Polemik. Wer wollte ihr daraus einen Vorwurf machen? Leider verzichtet die Autorin auf präzise Angaben. "Die Namen der Interview-Geberinnen wurden zur Schonung der privaten Sphäre auch der betroffenen Familien anonymisiert." Sich selbst nennt sie im Buch "Betty Prüfer" und berichtet über ihre eigenen Erlebnisse in der dritten Person.

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