Politik : Die Stadt ruft

Pendlersubvention stört Naturschützer und Wirtschaftsforscher

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Die geplante Kürzung der Pendlerpauschale aus Spargründen trifft bei Fachleuten auf Zustimmung. Jedoch nicht, weil sie sich um die Staatsfinanzen sorgen – sie kritisieren die Vergünstigung aus anderen Gründen: Die Pauschale schade der Umwelt und sei ökonomisch unsinnig, sagen sie. Zudem dürfe man das Leben auf dem Land langfristig nicht mehr subventionieren, weil sonst Wirtschaftswachstum und gesellschaftlicher Zusammenhalt litten.

Umweltschützer und Ökonomen stört die Entfernungspauschale schon lange. Sie führe zur Zersiedelung der Landschaft, weil viele junge Familien in die Vorstädte zögen und sich die Fahrt zur Arbeit dank der Pauschale leisten könnten, kritisiert etwa Rüdiger Budde vom RheinischWestfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Das führt zu Bodenversiegelung und zu immer mehr Berufsverkehr. Die ursprüngliche Idee, mit der Pauschale die Mobilität der Leute zu fördern, hat sich ohnehin überlebt, findet Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). „Die Leute sind von sich aus viel flexibler und nehmen Strecken zur Arbeit von bis zu 100 Kilometer in Kauf – aber nicht wegen der staatlichen Förderung, sondern wegen der Lage auf dem Arbeitsmarkt.“

Die Subventionierung der Landbevölkerung auf Kosten der Städter ist zudem strukturell problematisch, warnt Heinrich Mäding, Leiter des Deutschen Instituts für Urbanistik in Berlin. Derzeit gewinnen vor allem die so genannten Speckgürtel, also das Umland der Städte, Einwohner hinzu. Die Zentren dagegen veröden allmählich, vor allem im Osten. Zusammen mit der demografischen Entwicklung sei das eine Zeitbombe, warnt Mäding. „Die Städte sind das Rückgrat der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wenn die Einwohnerzahl dort immer weiter zurückgeht, geht das langfristig auf Kosten des Lebensstandards.“ Deshalb müsse der Staat sich die Subvention der Pendler sparen – und stattdessen mehr dafür tun, dass wieder Leben in die Städte kommt, fordert der Urbanistik-Fachmann. brö

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