Politik : Die Standhaften von Malatya

Auch nach den Morden wollen die Christen in der osttürkischen Stadt bleiben

Susanne Güsten[Istanbul]

„Das ist wie im Mittelalter“, schimpft Ihsan Özbek von der türkischen Erlöserkirche. Sein Pastor im osttürkischen Malatya, Necati Aydin, war am Mittwoch zusammen mit seinen Glaubensbrüdern, dem Türken Ugur Yüksel und dem Deutschen Tilman Geske, von einem halben Dutzend Angreifern brutal getötet worden. Die Christen seien Missionare gewesen, die türkische Muslime bekehren wollten, lautete das Tatmotiv. Bitter merkte Özbek an, derzeit äußerten zwar viele Türken ihr Bedauern über die Bluttat, aber: „Bald wird es wieder dieselbe Intoleranz geben, und es wird so weitergehen. Das war nicht das Ende.“ Es gebe eine regelrechte „Hexenjagd, eine Jagd auf Missionare“ im Land.

Vor laufenden Kameras solche Sätze zu sprechen, erfordert Courage in der Türkei. Noch während der Pressekonferenz in Malatya wurde Özbek von türkischen Zuhörern scharf kritisiert. Denn für die meisten türkischen Muslime sind christliche Missionare wie Aydin, Yüksel und Geske keine Männer des Glaubens, sondern eine Art feindliche Kämpfer, die den türkischen Staat zerstören wollen. Manche Extremisten glauben, sich dagegen wehren zu müssen – mit allen Mitteln. Deshalb wurde Aydin, Geske und Yüksel am Mittwoch im Gebäude des Bibelverlages „Zirve“ die Kehlen durchgeschnitten. Zuvor hatten die Mörder sie an Stühle gefesselt.

„Wir haben es fürs Vaterland getan“, stand auf einem Zettel, der bei fünf unmittelbar nach den Morden festgenommenen Tatverdächtigen gefunden wurde. „Sie wollen uns unser Land und unsere Religion nehmen. Ihr werdet stolz auf uns sein.“ Einer der mutmaßlichen Täter sagte im Polizeiverhör, der Dreifachmord solle den „Feinden unserer Religion“ eine Lehre sein. Die Polizei in Malatya nahm bis zum Donnerstagmittag insgesamt zehn Verdächtige fest. Die Gruppe soll das Gebäude des „Zirve“-Verlages tagelang ausspioniert und sich kurz vor dem Angriff mit Messern eingedeckt haben. Sogar ein Fluchtwagen war angemietet worden. Eine spontane Aktion war der Überfall also nicht.

Die ideologischen Vorlagen waren auch vorhanden, denn Klagen über Missionare sind in der Türkei an der Tagesordnung. Nach dem schweren Erdbeben im Nordwesten des Landes von 1999 verbreiteten sich Gerüchte, christliche Seelenfänger seien dabei, obdachlos gewordene Bebenopfer mit Geldgeschenken vom Islam wegzulocken. Der in Malatya getötete Pastor Aydin war damals unter dem Vorwurf festgenommen worden, er habe Muslime zwangsbekehrt.

Wut über die Morde von Malatya und Angst vor neuen Gewalttaten – zwischen diesen beiden Polen schwankte am Donnerstag die Stimmung bei den rund 120 000 Christen im 70-Millionen-Staat Türkei. Die drei Ermordeten seien von Nationalisten zur Zielscheibe ausgerufen worden, ohne dass die Sicherheitsbehörden etwas dagegen unternommen hätten, sagte ein Geistlicher aus dem südostanatolischen Diyarbakir. Außenminister Abdullah Gül kündigte verbesserten Schutz für die Minderheiten an.

Doch selbst nach den Morden von Malatya schimmerte durch die Stellungnahmen einiger Vertreter des türkischen Staates ein klammheimliches Verständnis für die Motive der Täter durch. So ließ der scheidende Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer erklären, „Proteste“ müssten auf gewaltlosem Wege vorgebracht worden – als ob Proteste gegen Christen an sich nichts Besonderes wären. In einer Ausschusssitzung im türkischen Parlament wetterte ein Regierungsberater laut Presseberichten, die Missionare seien für die Türkei eine tödlichere Gefahr als die kurdische Rebellengruppe PKK.

Trotzdem wollen die Christen von Malatya auch nach dem Mord in der Stadt bleiben. Selbst die Witwe von Tilman Geske, Susanne Geske, kündigte nach Fernsehberichten an, sie werde mit ihren drei Kindern in Malatya bleiben. Nicht nur Ihsan Özbek hat Mut.

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