Politik : Die Starre hält an

Sieben Monate nach dem Tsunami läuft der Wiederaufbau in Japan nur sehr schleppend. Ein Besuch im Krisengebiet

Jesper Weber[Kamaishi]
Trümmerfeld statt Totenruhe. Eine Familie in Otsuchi betet auf dem zerstörten Friedhof der Stadt für ihre getöteten Angehörigen. Foto: AFP
Trümmerfeld statt Totenruhe. Eine Familie in Otsuchi betet auf dem zerstörten Friedhof der Stadt für ihre getöteten Angehörigen....

Shunsuke Sasaki steht vor seinem Haus und schaut auf die Bucht. „Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich das Meer sehen“, sagt der Fischer, der nahe der Stadt Kamaishi lebt. Der Zypressen- und Zedernwald, der zwischen dem japanischen Dorf und der Küste die Sicht versperrte, ist bis auf eine einzelne Zypresse kurz über den Wurzeln abgeknickt und weggespült worden. Es war der 11. März, 14.46 Uhr Ortszeit, als das Erdbeben der Stärke 9,0 und der darauf folgende Tsunami das Grauen über die Region brachten. Mehr als 20 000 Menschen starben, viele werden noch immer vermisst.

Auch eine Bucht weiter ankert ein halbes Jahr später noch immer kein einziges Boot, auch hier wurde alles weggeschwemmt. Von ehemals 300 Booten ist kein einziges verschont geblieben. Erst sieben wurden ersetzt. Aber auch wenn die Fischer herausführen, könnten sie weiterhin nichts anlanden, weil die Hafenanlagen zerstört sind. Der Boden ist durch das Erdbeben bis zu einem Meter abgesunken und wird regelmäßig bei Flut überschwemmt. Selbst wenn Fischer heute wieder einen guten Fang machen würden, wäre dieser im Supermarkt so gut wie unverkäuflich. Die Menschen meiden alle Lebensmittel aus den nordöstlichen Präfekturen aus Angst vor radioaktiver Strahlenbelastung. Denn die nach dem Beben havarierte Atomanlage in Fukushima hat auch die Gewässer der Gegend verseucht.

Am 30. August wurde die letzte Notunterkunft in der Präfektur Iwate geräumt, eine Turnhalle in Yamadamachi, etwas nördlich von Kamaishi. Die mehr als 50 000 Obdachlosen in der Präfektur, die zeitweise in den beinahe 300 Notunterkünften gewohnt hatten, sind entweder in Häuserprovisorien mit dem Charme eines Frachtcontainers oder bei Verwandten untergekommen. Die Soldaten wurden mittlerweile aus allen Präfekturen bis auf Fukushima abgezogen. Weitere Räumarbeiten müssen die Verwaltungen vor Ort mit privaten Firmen arrangieren. Das Gebiet um das Akw wird für mindestens ein Jahrzehnt unbewohnbar bleiben, rund 80 000 Menschen haben dort ihre Heimat verloren. Die Atomkatastrophe gilt als der schwerste Reaktorunfall seit der Katastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren. In der vergangenen Woche zog wieder ein Taifun auf, „Roke“, der 15. in diesem Jahr. Mindestens elf Menschen kamen durch ihn ums Leben. Verglichen mit dem Tsunami jedoch, richtete er nur geringe Schäden an – auch die Atomruine in Fukushima kam glimpflich davon. Um Nagoya in Zentraljapan hat er allerdings Überschwemmungen verursacht.

In Kamaishi sind das Sperrholz und die meisten Autowracks weggeschafft worden. Im überschwemmten Hafengebiet stehen noch die Rahmen von Betonbauten, ihre Fenster und Türen sind eingedrückt worden und klaffen wie Zahnlücken. Wo Holzhäuser standen, gibt es jetzt reichlich Parkplätze für Autos, die es nicht mehr gibt. Bis auf vereinzelte Reparaturen an Straßen, Wasser-, Strom- und Gasleitungen sowie wichtigen Gebäuden wie Krankenhäusern ist von Bauarbeiten im alten Stadtzentrum noch nichts zu sehen.

Um sich vor künftigen Flutwellen zu schützen, denken die Planer unter anderem über einen neuen Damm von Wellenbrechern am Eingang der Bucht nach. Außerdem sollen wichtige Einrichtungen auf höher gelegene Flächen verlegt werden und neues Land gewonnen werden, indem ein Berg abgetragen wird und die Erdmassen dazu genutzt werden, das Plateau zu vergrößern. Im benachbarten Otsuchi, das großflächig überspült wurde und wo dann durch explodierende Propangasflaschen fast alle Häuser abbrannten, fielen nahezu alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung dem Tsunami zum Opfer. Bürgermeister und Vizebürgermeister starben, ein neues Stadtoberhaupt wurde erst im August gewählt. Nur langsam nehmen die Behörden ihre Arbeit wieder auf. Ein Wiederaufbauplan ist noch nicht abzusehen.

Die Hauseigentümer stehen vor einem Dilemma. „Beschädigte Häuser dürfen in eigener Regie repariert werden, aber für den Wiederaufbau komplett zerstörter Häuser benötigen wir eine Baugenehmigung“, sagt Seiki Maruki, während er auf der Fläche, auf der einmal sein Haus stand, ein paar Planken auf einen Haufen wirft. Die Baugenehmigung wird aber nur erteilt, wenn das Gebiet für wieder bebaubar erklärt wurde, was bei den überfluteten Gegenden noch infrage steht. Und solange dies nicht geschieht, ist der Grundstückswert gleich null, so dass auch ein Abriss der noch stehenden Strukturen wirtschaftlich nicht sinnvoll wäre. Also passiert bis auf Aufräumarbeiten erst mal nichts.

Die Unzufriedenheit über die japanische Regierung ist groß. Die lokalen Verwaltungen rappeln sich erst langsam wieder auf, während die Politik in Tokio einer Drehtür gleicht. Ein neuer Premier ist im Amt, der letzte Minister für Wiederaufbau musste nach nur neun Tagen zurücktreten, weil er die Verstrahlung in Fukushima im Gegensatz zu anderen Regierungsmitgliedern nicht herunterspielte. Angesichts mangelnder Kontinuität gibt es noch keine überzeugende Vision für den Wiederaufbau und seine Finanzierung, viele zugesagte Finanzhilfen sind bei den Menschen noch nicht angekommen.

Und dennoch geht das Leben weiter, entstehen neue Zentren. So werden zum Beispiel neben den einstöckigen Provisoriumssiedlungen zweistöckige provisorische Einkaufsstraßen errichtet. In einer von diesen hat das Ehepaar Yamazaki am 13. September einen Lederwarenladen eröffnet. Es gibt Restaurants und Cafés, zwei Friseure und einige Lebensmittelgeschäfte. Und sogar ein Klavier. „Das steht hier, weil ich einen Salon für Konzerte und Kultur einrichten möchte!“, sagt Professor Masayuki Yamazaki. Er ist eigentlich Flötenlehrer. Unterricht gibt er momentan im Haus einer Bekannten. Dort finden auch regelmäßig Konzerte statt.

Der alte private Kindergarten in Otsuchi wurde komplett zerstört. Nur wenige Minuten nachdem sich die Angestellten mit allen Kindern in ein höher gelegenes Gymnasium gerettet hatten, drang die Flut ein, vier Meter hoch überspülte sie das Gebäude bis zum ersten Obergeschoss. Das Haus war erst vor fünf Jahren errichtet worden, 80 Prozent des Darlehens sind noch nicht abbezahlt. Seit April hat der Kindergarten nun im Gymnasium ein Ausweichquartier. Auf engstem Raum werden dort 50 Kinder betreut. Bis zum Ende des Jahres aber müssen sie ausziehen. Eikoh Sasaki, der Betreiber des Kindergartens, ist daher auf der Suche nach Alternativen. Von einem Bauern wurde ihm ein Reisfeld als Grundstück angeboten, dass nur seicht überflutet wurde. Dort könnte er recht schnell einen neuen Kindergarten aufbauen.

Aber es gibt massive Hindernisse. Die Stadtverwaltung ist gegen die Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen in Gewerbegebiet, hat da aber nicht das Sagen, denn die Entscheidung liegt bei der Präfektur, die wohl einlenken wird. Danach muss die Baugenehmigung beantragt werden. Auflagen dafür werden ein festes Fundament und eine Entwässerungspumpe sein, weil das Grundstück unter Meeresspiegel liegt. Doch noch ist nicht einmal klar, ob in einem überfluteten Gebiet überhaupt eine Baugenehmigung erteilt wird, denn das würde schließlich einen Präzedenzfall schaffen. Sasaki sagt: „Eigentlich bin ich pleite. Ich bemühe mich bei Unicef und anderen um Spendengelder, aber es reicht hinten und vorne nicht.“ Gleichzeitig sind seine Einnahmen deutlich reduziert. Statt der 80 Kinder, die vor dem Beben betreut wurden, kommen nur noch 50.

Wenn Sasaki seinen Kindergarten schließen muss, stehen auch viele der Kinder auf der Straße. Das will er nicht. Denn, so sagt er, eigentlich hätten nicht sie die Kinder gerettet, sondern sie hätten den Kindern ihr Leben zu verdanken: „Alleine wären wir Erwachsene nach dem Erdbeben viel schneller wieder vom Berg herabgestiegen. Und dann wären wir garantiert von der Welle erwischt worden.“

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