Die Stasi und die Akten : "Horch und Guck" als Anschauungsmaterial

Für die Daten-Sammelwut der Stasi interessiert sich mittlerweile auch die Generation Facebook - um nach Parallelen zu heutigen Ausspähpraktiken der Geheimdienste zu suchen. Stasiunterlagen-Chef Roland Jahn legt Tätigkeitsbericht vor.

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Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, bei der Vorstellung des 12. Tätigkeitsberichts seiner Behörde in der Bundespressekonferenz.
Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, bei der Vorstellung des 12. Tätigkeitsberichts seiner Behörde in der...Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa


Das Erbe der DDR-Staatssicherheit erweckt zunehmend das Interesse der jüngeren Generation. Bei der Vorstellung des neuen Tätigkeitsberichts der Stasiunterlagenbehörde stellte Behördenchef Roland Jahn am Dienstag in Berlin vor dem Hintergrund der jüngsten Ausspäh-Skandale fest, das detaillierte Wissen um die Mechanismen der DDR-Geheimpolizei sei für viele Menschen „Anschauungsmaterial“, an dem sie die heutigen Aktivitäten von NSA, GCHQ oder auch Facebook und Google messen wollten. So habe die umfassende Dokumenten-Studie der behördeneigenen Forschungsabteilung über die Abhörpraxis der Stasi unter dem Titel „Fasse dich kurz!“ die öffentliche Debatte über das Verhalten heutiger Geheimdienste bereichert. Die Erkenntnisse zum Wirken der Stasi seien „Orientierungspunkte für heutige Diskussionen zur Überwachung und Datensammlung. Und eine neue Generation sucht nach Antworten, auch im Stasi-Unterlagen-Archiv.“


Zwar ist die Zahl der Anträge auf persönliche Akteneinsicht insgesamt seit Jahren rückläufig, aber jüngst ist sie, so konnte Jahn vermelden, noch einmal gestiegen: Gingen 2013 bei der Behörde 64 246 Anträge ein, waren es im Jahr 2014 mit 67 783 deutlich mehr. Das sind im Schnitt reichlich 5000 Anträge pro Monat. Zwei Drittel wurden in den 12 ostdeutschen Außenstellen der Stasi-Unterlagen-Behörde gestellt.
Warum 25 Jahre nach dem Ende der DDR immer noch so viele Menschen in ihre Akten einsehen wollen, erklärte Jahn so: „Nicht wenige sagen, dass sie den Abstand zum Geschehen brauchen, um sich der Vergangenheit zu stellen. Viele kommen jetzt in ein Alter, in dem sie die Zeit haben, ihr Leben zu reflektieren.“ Etliche würden dabei auch von ihren Kindern und Enkeln befragt. Die Stasi-Unterlagen können nach Ansicht Jahns helfen, den Dialog zwischen den Generationen über die Vergangenheit zu fördern.

Aus dem Bericht geht hervor, dass bislang rund 95 Prozent der papiernen Akten-Hinterlassenschaft der Stasi personen- oder sachbezogen zugänglich gemacht worden sind. Unter den 2076 laufenden Metern Aktenmaterial, die in den Jahren 2013 und 2014 erschlossen wurden, befänden sich erstmals auch Ausdrucke von virtuell rekonstruierten Unterlagen.

Die computergestützte Wiederherstellung zerrissener Akten ist in Verzug


Die vor Jahren groß angekündigte und seit 2007 als Pilotprojekt laufende computergestützte Rekonstruktion der in fast 16 000 Säcken lagernden zerrissenen Akten ist zeitlich um mehrere Jahre in Verzug geraten. Als Grund wird in dem Bericht angegeben, dass sich „die Entwicklung verschiedener Module des IT-Systems wesentlich aufwendiger gestaltete als zunächst geplant“. Bislang seien rund 24 000 automatisiert rekonstruierte Seiten in das Archiv übernommen worden. Das mit dem Forschungsauftrag befasste Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) in Berlin habe eingeschätzt, dass eine Verarbeitung der vorgesehenen Menge mit der derzeitigen Scantechnologie in einem absehbaren Zeitraum nicht möglich sei. Inzwischen hat der Bundestag für 2015 zusätzliche Mittel dafür bereitgestellt.
Da geht das Puzzeln per Hand offenbar schneller: In den vergangenen zwei Jahren wurden 230 000 Aktenblätter auf diese Weise rekonstruiert, insgesamt bislang rund 1,53 Millionen Blatt. Im Berichtszeitraum ging es dabei um internationale Verbindungen der Stasi. So wurde aus den Unterlagen deutlich, wie DDR-Urlauber im Ausland unter Beobachtung und Kontrolle standen. So sind zum Beispiel Meldungen über Kontakte mit westdeutschen Bürgern auf Campingplätzen oder in Hotels überliefert.

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