Politik : Die Stille nach der Räumung

Patienten der Heidelberger Universitätsklinik werden anderswo untergebracht

Christian Jung (dpa)

Heidelberg - Langsam rollen Krankenwagen ohne Blaulicht über das Gelände des Universitätsklinikums Heidelberg. Einige Stationen sind geschlossen, andere verwaist, die Flure fast überall leer. Viele Pflegebetten sind zum Schutz vor Keimen mit Folie überzogen. Mit der Aktion haben die Heidelberger Mediziner ihren Arbeitskampf um bessere Arbeitsbedingungen verschärft. Sie verlegen Patienten an kommunale und kirchliche Kliniken, an denen nicht gestreikt wird.

Die Ärzte in Ulm haben am Mittwoch angefangen, es ihren Heidelberger Kollegen gleichzutun. Allerdings lässt sich die Ulmer Klinik nicht ganz so leer räumen wie die in Heidelberg, weil es in der Umgebung keine anderen Krankenhäuser mit einem ähnlichen Spektrum gebe wie die Uni-Klinik, sagt der Ulmer Ärztesprecher Frank Reuther. Am Donnerstag wollen die Mediziner in Freiburg und Tübingen, und am Freitag auch im niedersächsischen Göttingen mit der Verlegung von Patienten in andere umliegende Krankenhäuser beginnen.

„Für einen Patienten stehen jetzt zehn Schwestern zur Verfügung“, beschreibt der 63 Jahre alte Heidelberger Patient Wolfgang Nille die Lage. „Ich kann die Ärzte sehr gut verstehen und unterstütze den Streik. Denn ohne die hoch qualifizierten Mediziner würde ich nicht mehr leben“, sagt der vor einigen Tagen operierte Uhrmacher. Bis zum Beginn der Fußball-WM am Freitag soll außer Intensivpatienten kein Kranker mehr in der Heidelberger Klinik sein.

„Mit der faktischen Stilllegung unseres Krankenhauses bis zur WM und während dieses Ereignisses wollen wir zeigen, wie schlimm es um den Gesundheitsstandort Deutschland bestellt ist. Wir lassen uns nicht weiter von den Politikern vorführen“, sagt der Arzt Pascal Berbarat. Der 35-Jährige betreut die Notfallambulanz in einer 24-Stunden-Schicht.

Derweil klingeln bei den kommunalen und kirchlichen Krankenhäusern in Heidelberg und Umgebung die Kassen: Wegen des Streiks werden alle bis zu 800 transportfähigen Patienten der Chirurgie und umliegender Häuser in die nun überfüllten Kliniken gebracht. In der Heidelberger Kinderklinik wird den kleinsten Patienten mit eigens angefertigten Comics erklärt, warum die Ärzte in den Ausstand getreten sind.

In den sonst mit 40 Betten belegten zwei Stationen der Chirurgie für Privatversicherte herrscht Stille. Die Zimmer stehen leer und sind frisch geputzt. Die fünf verbliebenen Patienten werden planmäßig kurz vor der Fußball-WM entlassen. Proteste von Kranken oder ihren Angehörigen sind bisher nicht zu hören. Nur die Verkäuferin im Krankenhauskiosk ärgert sich, dass sie nicht alle belegten Brote verkaufen konnte, „weil es weder lauffähige Patienten noch Besucher gibt“.

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