Politik : Die Stimme der Schiiten

Ajatollah Mohammed Bakir al Hakim war ein Mann des Glaubens, der seinen Einfluss politisch nutzte

Andrea Nüsse[Amman]

Mit Ajatollah Mohammed Bakir al Hakim ist am Freitag der bisher einzige Schiitenführer des Irak getötet worden, der sich auf politischer Ebene für eine Mitsprache der schiitischen Bevölkerungsmehrheit des Landes einsetzte. Der langjährige Gegner des Saddam-Regimes, der aus einer der angesehensten Theologenfamilien des Irak stammte, war erst im Mai aus dem iranischen Exil nach Nadschaf zurückgekehrt. Dort hatte er 1980 die Exilorganisation Oberster Rat der Islamischen Revolution im Irak (Sciri) gegründet, die einen Sitz in dem von den USA ernannten irakischen Verwaltungsrat hat. Dort vertritt der jüngere Bruder des getöteten Ajatollahs, Abdelasis, die Organisation. Gegen den Sciri-Vorsitzenden selbst hatten die USA große Vorbehalte, weil sie ihm unterstellten, im Irak ein Theologen-Regime ähnlich dem in Teheran aufbauen zu wollen. Al Hakim hatte zwar lange die Revolution in Iran unterstützt, in jüngster Zeit aber bestritten, dass er dem Modell Chomenis nacheifern wolle. Gleichzeitig hat er den persönlichen Kontakt mit den amerikanischen Besatzern vermieden, um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren.

Mohammed Bakir al Hakim war kein Volkstribun, dafür fehlte ihm das Charisma. Er war ein Mann, der seine Worte bedächtig wählte und über großes politisches und diplomatisches Geschick verfügte. Der aus Nadschaf stammende 64-jährige Ajatollah Bakir al Hakim war 1980 ins iranische Exil gegangen, nachdem er selbst im Gefängnis gesessen hatte und gefoltert worden war. Mindestens 20 seiner nahen Verwandten wurden vom Regime Saddam Husseins ermordet. Al Hakims Vater war bis zu seinem Tod 1970 der geistige Führer der Schiiten im Irak. Diese Familiengeschichte machte Bakir al Hakim im Irak populär, auch wenn er das Land seit 23 Jahren nicht betreten hatte. Auch seine kompromisslose Opposition zu Saddam Hussein brachte ihm Sympathien ein. Allerdings gab es unter Schiiten auch Vorbehalte gegen ihn, weil er während des Iran-Irak-Krieges auf Seiten Teherans stand und der militärische Flügel seiner Organisation, die Bakir-Brigaden, auf iranischer Seite kämpfte.

Die Stärke des Geistlichen mit dem milden Lächeln und den großen Adleraugen war seine Organisation: Sciri ist straff organisiert und verfügt über gute politische Kontakte auf hoher Ebene. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt Nadschaf hatte Sciri mit finanzieller Unterstützung Irans den Wiederaufbau öffentlicher Dienste und die Verteilung von Lebensmitteln unterstützt. Seine Organisation hat die Amerikaner kritisiert aber dennoch pragmatisch mit ihnen zusammengearbeitet, etwa bei der Aufstellung des Verwaltungsrates. Dafür wurde al Hakim von einigen schiitischen Gruppen kritisiert. Und während die meisten Geistlichen in Nadschaf gegen eine direkte Einmischung der Religionsführer in die Politik sind, vertrat al Hakim als einziger die Interessen der Schiiten auf politischer Ebene gegenüber den Amerikanern.

Dennoch sah der Ajatollah sich nicht als Politiker: „Ich bin ein Mann der Religion, der etwas von Politik versteht“, sagte er im Gespräch mit dem Tagesspiegel im April in Teheran. Dabei machte er auch deutlich, dass er nicht glaube, im Irak ein politisches System wie in Teheran aufbauen zu können. Es gebe Unterschiede in der „Interpretation der islamischen Quellen“, sagte er und meinte damit wohl die von Chomeini geschaffene Herrschaft der Geistlichen. Für den Irak forderte er freie Wahlen. Er bete dafür, dass die Amerikaner endlich verstünden, dass sie den Wiederaufbau des Landes den Irakern überlassen müssten, sagte al Hakim dem Tagesspiegel.

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