Politik : Die Stimmung in der Truppe ist gedrückt

Der Wehrbeauftragte sieht aber weniger Konflikte zwischen Vorgesetzten und Untergebenen.

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Berlin - Manchmal ist das Interessanteste an einer Mängelliste das, was nicht mehr daraufsteht. Über Jahrzehnte hinweg bot der Jahresbericht des Wehrbeauftragten Einblicke in ein Gruselkabinett, in dem üble Vorgesetztentypen wehrlose Rekruten schikanierten. Im Jahresbericht 2012, den der Amtsinhaber Hellmut Königshaus am Dienstag präsentierte, wird als finsterstes Beispiel ein Kompaniechef aufgeführt, der Untergebene in einer Gefechtsübung mit einem 60 Zentimeter langen Stöckchen „piekste und auf die Helme klopfte“. Wenn das der Gipfel schlechter Umgangsformen in Uniform ist, hat sich offenbar viel getan.

Tatsächlich zeugt der Bericht, der ja sein Material wesentlich aus den Eingaben aus der Truppe selbst bezieht, von einem massiven Wandel. Die typischen Konflikte einer Wehrpflichtarmee, oft also solche zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, treten zurück hinter den Problemen einer Berufsarmee. „Insbesondere die Dienst- und Einsatzbelastung hat vielfach die Grenzen der Belastbarkeit erreicht, teilweise bereits überschritten“, konstatiert Königshaus.

Die Probleme konzentrieren sich auf die immer gleichen Fragen: dienstliche Beurteilung und Beförderung, Krankenversorgung und, im Fall der Fälle, der Umgang mit Hinterbliebenen. Als besonders schwierig erweist sich immer wieder die Vereinbarkeit von Familien- und Soldatenleben. Schon mit der Bereitstellung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten hapert es; dabei, findet der Beauftragte, sei der Staat als Arbeitgeber doch besonders zum Vorbild verpflichtet. Auch die versprochene Planbarkeit von Pausen zwischen Einsätzen steht vor allem für gefragte Spezialisten oft nur auf dem Papier. Dazu kommen Lehrgänge und Umzüge, die ein normales Familienleben schwer machen.

Als Problem erkannt, aber längst nicht beherrscht sind auch die seelischen Schäden, die Soldaten im Einsatz davontragen. Die Zahl der posttraumatischen Belastungsstörungen hat mit 1143 Fällen einen neuen Höchststand erreicht. Es mangelt vor allem an langfristiger Betreuung. Beunruhigend findet es Königshaus auch, dass eine Studie der Uni Dresden den Verdacht nahelegt, dass viele, die traumatisiert aus dem Einsatz zurückkommen, dorthin nie hätten geschickt werden dürfen, weil ihr seelischer Zustand vorher schon labil war. Vollends unverständlich findet er es, wenn der Arbeitgeber Bundeswehr hinterher, wenn es um Fragen der Wehrdienstbeschädigung geht, von seiner eigenen Einsatztauglichkeitsbescheinigung nichts mehr wissen will: „Wenn der Dienstherr jemanden in den Einsatz schickt, dann muss er sicherstellen, dass der gesund ist“, sagt der FDP-Politiker.

Insgesamt konstatiert Königshaus eine „gedrückte Stimmung“ und „tief greifende Verunsicherung“ in der Truppe, die auch aus der jüngsten Bundeswehrreform resultiere. Hinzu kommt ein spezielles Nachwuchsproblem: Es fehlt der neuen Armee weniger an Häuptlingen denn an Indianern. Allein bei der Marine sind 700 Mannschaftsposten unbesetzt. Jetzt müssen Unteroffiziere deren Wachen schieben. Robert Birnbaum

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