Politik : "Die Stornierungen kommen einer Lawine gleich"

ATHEN/SOFIA (rtr).Die Nachbarländer Jugoslawiens geraten angesichts der NATO-Luftangriffe zunehmend unter wirtschaftlichen Druck.Viele Anrainer rechnen mit einem deutlichen Rückgang ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP).40 Prozent der mazedonischen Wirtschaft seien völlig ruiniert, sagte Vize-Ministerpräsidentin Dosta Dimovska.Aus der EU-Kommission hieß es, der Wiederaufbau der Balkan-Region nach Ende der Lufschläge werde schätzungsweise 55 Milliarden Mark kosten.Besonders geschwächt ist der Außenhandel, weil Transportwege nach Westeuropa versperrt sind und die Schiffahrt blockiert ist.Auch Branchen wie Maschinenbau, Metall- und Chemieindustrie leiden unter Einbußen, wie eine Umfrage ergab.

Mazedonien, eines der ärmsten Länder Europas, wickelte einen Großteil der Handelsbeziehungen mit Serbien ab und war von Transportwegen durch Jugoslawien abhängig.Dimovska rief die bulgarischen Firmen auf, ihre Kontakte mit der mazedonischen Hauptstadt Skopje zu aktivieren.Beide Länder wollen die Europäische Union um Unterstützung bitten für den Aufbau einer Eisenbahnverbindung und die Entwicklung der Telekommunikation.Mazedonien, das 170 000 Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen hat, fordert die EU zudem auf, mehr Albaner aufzunehmen.

In Rumänien sei in diesem Jahr ein Rückgang des BIP um zwei Prozent zu erwarten, berichtete der Internationale Währungsfonds.Seit Beginn der NATO-Angriffe vor fünf Wochen sind nach Angaben der Regierung Verluste von 750 Millionen US-Dollar (1,35 Milliarden Mark) für die Wirtschaft entstanden.Diese Summe entspricht rund 2,9 Prozent des BIP 1998, das 24,9 Milliarden Dollar betrug.Ursache der wirtschaftlichen Einbußen ist der Zusammenbruch derHandelsgeschäfte mit Jugoslawien.Allein die Exporte über die Donau sind im vergangenen Monat um 15 Millionen Dollar zurückgegangen.Für die Produktion im Maschinenbau und in der chemischen Industrie fehlen Rohstofflieferungen.Am stärksten spürbar waren die Folgen für die rumänische Metallindustrie mit Verlusten von bisher 30 Millionen Dollar.Ein Fünftel der Exporte dieser Branche gingen nach Jugoslawien, in den ex-jugoslawischen Raum und nach Westeuropa.Rumänische Zulieferer für die chemische und petrochemische Industrie werden in diesem Jahr mindenstes zehn Millionen Dollar einbüßen.

Nach Ansicht der bulgarischen Wirtschaftskammer brechen auch die Investitionen ein.Wegen der Kriegsgefahr ziehen sich viele Investoren aus der Region zurück, sagte der Chef der Kammer, Boschidar Danew, im Rundfunk.Experten bezweifeln, daß das geplante Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent in diesem Jahr erreicht wird.Die gesamten Verluste für die Wirtschaft schätzt die Regierung auf 260 Millionen Dollar im Monat.

In Griechenland verdüstern sich ebenfalls die Aussichten für das Wachstum.Das Ministerium in Athen korrigierte die Prognose von 3,5 auf drei Prozent.Die Ausfuhren nach Jugoslawien, zwei Prozent des gesamten Exports Griechenlands, seien seit Kriegsbeginn eingestellt worden.Export von Gemüse und Obst nach Mitteleuropa sind nach Angaben des Ministeriums am schlimmsten betroffen.Da schnelle Straßenverbindungen gesperrt sind, müssen die Produkte mit Fähren nach Italien transportiert werden.Dies bedeute eine Verteuerung des Transports um 20 Prozent.Auch Bulgarien, das Eisen, Kupfer, Wein und Textilien ausführt, leidet unter diesen Transportproblemen.

An der Adria und in Nordgriechenland flaut der Tourismus ab.Buchungen für Kreuzfahrten im Mittelmeer-Raum und der Adria werden gestoppt."Die Stornierungen haben in den letzten Tagen die Form einer Lawine angenommen", sagte Andreas Potamianos, Sprecher für Kreuzfahrt-Reedereien.Auch die Hoteliers bei Thessaloniki befürchten einen Rückgang der Besucherzahlen.Gute Geschäfte machen dagegen Supermärkte in Nordgriechenland.Humanitäre Organisationen und die Bevölkerung kaufen dort stärker ein und schicken Lebensmittel in die Flüchtlingslager.Auch die Versorgung der NATO-Streitkräfte bringt Einnahmen.

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