Politik : Die Toten als Täter

Prozess um Christenmord von Malatya beginnt / Anwälte: Staatsanwalt nimmt Partei gegen die Opfer

Susanne Güsten[Istanbul]

Es war ein Verbrechen, das die Türkei und die Welt schockierte: Am 18. April tauchten mehrere junge Männer in den Räumen des kleinen christlichen „Zirve“-Verlages im osttürkischen Malatya auf. Sie fesselten den deutschen Missionar Tilmann Geske und die beiden türkischen Christen Necati Aydin und Ugur Yüksel an Stühle, folterten sie über Stunden auf bestialische Weise und schnitten ihnen schließlich die Kehlen durch. An diesem Freitag beginnt der Prozess gegen die fünf mutmaßlichen Täter und zwei Komplizen. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft für die Hauptbeschuldigten. Doch es gibt beunruhigende Hinweise darauf, dass in dem Prozess die Opfer als die eigentlichen Bösewichter erscheinen werden – denn bei ihnen handelt es sich um christliche Missionare.

Anführer der Mörder war nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft der 20-jährige Emre Günaydin, der nach den Morden an den drei Protestanten bei Ankunft der Polizei aus dem Fenster sprang und sich schwer verletzte. Tatmotiv sei Hass auf christliche Missionare gewesen, sagt die Anklage, die Günaydin und den anderen Beschuldigten die Bildung einer terroristischen Vereinigung vorwirft.

Doch schon vor dem Prozess gibt es Zweifel daran, dass in dem Verfahren die ganze Wahrheit ans Licht kommen wird. Nach Presseberichten sagte der Hauptbeschuldigte Günaydin unter anderem aus, dass er im vergangenen Jahr von einem Lokaljournalisten in Malatya namens Varol A. zu Gewaltaktionen gegen Christen aufgestachelt worden sei. A. habe ihm unter anderem gesagt, dass christliche Missionare in der Türkei Verbindungen zur kurdischen Rebellenorganisation PKK hätten, gab Günaydin zu Protokoll. Auch habe der Journalist ihm „staatliche Unterstützung“ versprochen, falls er etwas gegen die Christen unternehme. Angeklagt ist A. trotzdem nicht.

Nach Einschätzung der Anwälte der Mordopfer ist zudem in der Anklage die Tendenz erkennbar, den Beschuldigten mildernde Umstände zu gewähren, weil sie durch die Missionare „provoziert“ worden seien. Zudem befassten sich nur acht der 32 staatsanwaltschaftlichen Aktenordner zu dem Fall mit den Morden – in 24 Ordnern geht es um die Tätigkeit christlicher Missionare in der Türkei. Und in der Anklageschrift würden alle Personen aufgeführt, die mit den ermordeten Missionaren Kontakt hatten, berichtete die Zeitung „Milliyet“ – obwohl diese Menschen nichts mit den Morden zu tun hätten, würden nicht nur ihre Namen, sondern auch Telefonnummern und Adressen aufgelistet. Die Anwälte werfen der Anklage vor, damit neuen Anschlägen gegen Christen Tür und Tor zu öffnen. Als besonders gefährdet gilt der deutsche Pastor Wolfgang Häde im nordwesttürkischen Izmit, der vom mutmaßlichen Mörder Günaydin als nächstes Opfer benannt wurde. Häde hat inzwischen Polizeischutz.

Das Misstrauen gegen christliche Missionare in der Türkei ist tief verwurzelt und wurde bis vor kurzem sogar staatlicherseits angefacht. Hass auf Christen und ihre Missionare stand auch hinter dem Mord an dem italienischen katholischen Priester Andrea Santoro im Februar 2006. Minister erklärten öffentlich, Missionare wollten den Zusammenhalt der türkischen Nation unterwandern. Dass die Türkei trotz der angeblich zersetzenden Einflüsse der Christen nach wie vor zu 99 Prozent muslimisch ist, spielte dabei keine Rolle.

Nach den Morden von Malatya rief der Vorsitzende der staatlichen Religionsbehörde der Türkei, Ali Bardakoglu, seine Landsleute zwar zur Toleranz auf. Die Missionarstätigkeit sei keine Gefahr für die Türkei, sagte Bardakoglu – so deutlich hatte das bis dahin kein türkischer Behördenvertreter formuliert. Die türkische Regierung hat es aber bis heute nicht über sich gebracht, die Missionare gegen Anfeindungen in Schutz zu nehmen. Vor dem Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Malatya sorgen sich deshalb liberale Kräfte im Land, dass die Zeit der Toleranz schon wieder vorüber sein könnte. Die Missionarstätigkeit sei Teil der Religionsfreiheit, erinnerte der prominente Kolumnist und EU-Anhänger Hasan Cemal seine Leser. Der Prozess von Malatya ist deshalb auch ein Demokratietest für die ganze Türkei.

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