Politik : Die Toten wärmten die Lebenden

Das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa begann am 3. Oktober. Bereits zwei Tage später gab es an Bord nichts mehr zu essen

Thomas Migge[rom],Jost Müller-Neuhof

Von Thomas Migge, rom

und Jost Müller-Neuhof

Das ganze Ausmaß des Flüchtlingsdramas im Meer zwischen Tunesien und der italienischen Insel Lampedusa wird immer deutlicher. Am Sonntagabend hatte die italienische Küstenwache ein Boot mit 15 lebenden und 13 toten somalischen Flüchtlingen entdeckt. Wie die Überlebenden berichten, hatte das Boot Tunesien am 3. Oktober mit 85 Menschen an Bord verlassen. Zwei Tage später gab es kein Benzin mehr für den ohnehin defekten Außenbordmotor. Ab dem 7. Oktober hatten die Flüchtlinge nichts mehr zu essen und zu trinken. An Bord müssen sich entsetzliche Szenen abgespielt haben. Anhand der Aussagen der Überlebenden hat die Polizei ein Tagebuch des Grauens zusammengestellt.

Jeden Tag starben einige der Flüchtlinge an Unterernährung und körperlicher Schwäche. Die Leichen wurden ins Meer geworfen, um das Sinken des Bootes in den Herbststürmen zu verhindern. Am Ende der Irrfahrt hatten die ausgehungerten Überlebenden nicht mehr die Kraft, die Toten aus dem Boot zu schaffen. Sie berichteten, dass sie sich in der Nacht mit den Körpern der Toten zudeckten, weil es weder Decken noch Kleidung für die kalte Jahreszeit gab. Als das Boot am 19. Oktober von der Küstenwache entdeckt wurde, schwebten sieben der 15 noch lebenden Flüchtlinge bereits in Lebensgefahr. Angesichts des Dramas fordert das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ein konsequenteres Vorgehen gegen internationale Schlepperbanden. Westeuropa sei hier zu nachsichtig. „Die Mafiosi dieser Welt wechseln zum Schleppen“, sagte Stefan Berglund, Vertreter des UNHCR in Deutschland am Dienstag in Berlin. Damit werde mittlerweile mehr Geld umgesetzt als im Drogenhandel. Berglund sagte, die Bekämpfung der Machenschaften sei für den internationalen Flüchtlingsschutz aktuell wichtiger als die Schaffung ökonomischer Standards in den Herkunftsländern. „Diese Menschen schicken Flüchtlinge auf Boote, die längst schon zu Konservendosen verarbeitet gehörten.“ Am Dienstag entdeckte die tunesische Küstenwache die Leichen von fünf Flüchtlingen, deren Boot gekentert war.

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