Politik : "Die Tugend der Mitmenschlichkeit lebt"

CELLE/ESCHEDE .Mit einer bewegenden Trauerfeier hat Deutschland am Sonntag von den 100 Opfern des Eisenbahn-Unglücks von Eschede Abschied genommen.Mehr als 2000 Menschen in und außerhalb der Stadtkirche von Celle nahmen an dem Staatsakt teil.Bundespräsident Herzog nannte das Unglück einen "modernen Alptraum".Am Unglücksort legten Herzog, Bundeskanzler Kohl, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und der amtierende Bundesratspräsident Gerhard Schröder unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Kränze nieder.

Herzog sagte in seiner Trauerrede, wie jede "menschliche Hervorbringung" werde die Technik niemals unfehlbar sein.Zweieinhalb Wochen nach der Katastrophe dankte der Bundespräsident vor mehr als 700 Trauergästen den vielen Helfern, "die an Ort und Stelle dem Schrecken ins Auge geblickt haben".Den Bürgern von Eschede, die geholfen hätten, wo immer es ging, sei es zu verdanken, daß "Eschede für uns alle nicht nur ein Ort des Schreckens, sondern auch ein Ort der Menschlichkeit geworden ist".

Die Bahn legte um 10 Uhr 59 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks, in allen Zügen und auf den Bahnhöfen eine Gedenkminute ein.Bundesweit war Trauerbeflaggung an öffentlichen Gebäuden angeordnet.Der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" war wegen eines gebrochenen Radreifens entgleist und gegen eine Brücke gerast.

Nach der Trauerfeier in Celle fuhr Herzog an den Unglücksort.Vor zahlreichen Bürgern sagte er dort, Eschede stehe "für gelebte Menschlichkeit und für eine unglaublich spontane Solidarität".In den Stunden und Tagen nach dem Unglück seien viele Menschen aus diesem Ort und der ganzen Region über sich hinausgewachsen.Das Zusammenstehen nach dem Unglück habe gezeigt, daß Mitmenschlichkeit in Deutschland keine verlorene Tugend sei.Der Bundespräsident erinnerte auch an die, die noch immer mit schweren Verletzungen in den Kliniken liegen.Für manche von ihnen sei das Leiden noch lange nicht zuende, sagte er.Anschließend ging Herzog mit einem Teil der Trauergemeinde zum Unglücksort.

Für den katholischen Bischof von Hildesheim, Josef Homeyer, war die Bahnkatastrophe "kein Ereignis, sondern ein Schrei".Der Name Eschede habe sich "in uns und die Geschichte des Landes tief eingegraben, tiefer als alle Ereignisse", sagte er bei der Trauerfeier.Der evangelische Landesbischof Hirschler sagte: "Die Bilder des Schreckens stehen uns noch vor Augen."

GroKo, Jamaika oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar