Politik : Die Übergabe der Macht von Indonesien an UN-Verwaltung soll noch vor Jahresende erfolgen

Michael Streck

Als die "Beratende Volksversammlung" in Jakarta den Ausgang des Referendums vom 30. August in Ost-Timor ratifizierte, bedeutete das die Geburt einer der kleinsten Nationen der Welt, mit rund 850 000 Einwohnern. 78,5 Prozent der Wähler hatten sich damals für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Damit ist die von der UN nie anerkannte Annexion der Inselhälfte rückgängig gemacht worden.

Die Unabhängigkeitsbewegung Ost-Timors sprach von einem großen historischen Moment. Die letzte Etappe des Kampfes für die Befreiung des ost-timorischen Volkes sei gewonnen, erklärte ein Sprecher des nationalen Widerstandsrats von Ost-Timor.

Als nächster Schritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit soll eine Übergangsverwaltung der UN in Ost-Timor eingesetzt werden. Ihr wird später eine ost-timorische Regierung folgen. Der Tag für die offizielle Übergabe der Macht von Indonesien an die UN ist noch nicht genau festgelegt. Indonesiens Außenminister Ali Alatas sagte, es werde noch vor Jahresende sein.

In Dili selbst wurde der Ratifizierung wenig Bedeutung beigemessen. Die Menschen sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Die meisten Ost-Timorer betrachten den Tag, als die UN-Schutztruppe auf der Insel landete, um den Terror der Milizen und die 24-jährige Besatzung durch indonesische Truppen zu beenden, als eigentlichen Moment ihrer Unabhängigkeit. Sie warten nun noch auf die Rückkehr von Unabhängigkeitsführer Xanana Gusmao. Seine Ankunft in Ost-Timor wird den endgültigen Sieg der Freiheit markieren.

Offenbar als Zeichen einer geänderten Politik befahlen indonesische Soldaten mittlerweile, Tausende ost-timorische Flüchtlinge aus einem Lager in West-Timor freizulassen. Das Militär hat angekündigt, Flüchtlinge mit LKW an die Grenze zu fahren. 250 000 Menschen waren vor dem Terror der Milizen nach West-Timor geflüchtet.

Nachdem pro-indonesische Milizen und indonesische Soldaten fast alle Gebäude und die Infrastruktur Ost-Timors zerstört haben, muss das Land völlig neu aufgebaut werden. Die UN haben ein erstes Paket mit 289 Millionen US-Dollar bereitgestellt. Der gesamte öffentliche Sektor - einst dominiert von Indonesiern - ist dezimiert. Polizei und Justiz existieren fast nicht mehr. UNICEF wird für den Übergang eine Art Bildungsministerium sein, wobei unklar ist, in welcher Sprache zukünftig unterrichtet wird. Auch das Bankensystem und der Handel sind zusammengebrochen. Völlig offen ist, welche Währung nun in Umlauf gebracht werden soll. Die dringendste Aufgabe ist der Bau von wetterfesten Unterkünften, da die Regenzeit naht, und mit ihr die Malariagefahr. "Was wir im Moment brauchen, ist leichtes Bauholz, um Dächer zu bauen", sagt der Neuseeländer Ross Mountain, Chefkoordinator der Vereinten Nationen in Ost-Timor. Ironischerweise wird das Holz überwiegend in Indonesien gekauft werden müssen, da es dort schnell und billig zu haben sei. Ross Mountain sieht im Geschäft mit Baumaterial aus Indonesien aber auch einen Vorteil. Der Deal könnte helfen, die Versöhnung beider Länder über den Handel voranzutreiben.

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