Politik : „Die Umwelt wächst nicht“

Fischer stellt den Bericht „Zur Lage der Welt“ vor – und seine Überlegungen zur Globalisierung gleich mit

Dagmar Dehmer

Berlin - „Sie sehen, es gibt mich noch.“ Mehr sagte Außenminister Joschka Fischer (Grüne) bei seinem ersten Auftritt nach der Vernehmung im Untersuchungsausschuss nicht zur Visa-Affäre. Danach war er wieder ganz bei sich. Fischer stellte die deutsche Ausgabe des Berichts „Zur Lage der Welt 2005“ des Washingtoner Worldwatch Instituts vor und nutzte den Termin zu einer sicherheitspolitischen Grundsatzrede.

„Globalisierung heißt, dass wir in der einen Welt angekommen sind“, sagte er. Das sei die sicherheitspolitische Lehre aus den Terrorangriffen vom 11. September 2001 in den USA. Gescheiterte Staaten, wie Afghanistan vor fünf oder sechs Jahren seien ein Risiko ersten Ranges. Damals sei das Land nur noch von wenigen humanitären Organisationen wahrgenommen worden. Erst nach den Terrorangriffen sei die „afghanische Tragödie“ wieder in den Blickpunkt gerückt. Das dürfe nicht noch mal passieren. Deshalb hält der Außenminister den Vorschlag seiner Kabinettskollegin Heidemarie Wieczorek- Zeul (SPD), bis 2014 die Entwicklungshilfeausgaben Deutschlands von 0,28 auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern für einen „Dreh- und Angelpunkt“ unserer Sicherheitspolitik.

Fischer wies zudem auf die tragende Rolle der Umweltpolitik in einer künftigen Sicherheitsarchitektur hin. Denn: „Die Umwelt ist ein statischer Faktor. Die Weltbevölkerung wächst, aber die Umwelt wächst nicht.“

Das schätzte der Präsident des Worldwatch Instituts, Christopher Flavin, ähnlich ein. Er wies vor allem auf den Klimawandel als bedeutenden künftigen Unsicherheitsfaktor hin. Aus Flavins Sicht finanziert der reiche Norden derzeit „beide Seiten des Kriegs gegen den Terror“. Ganz entschieden plädierte Flavin dafür, den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids dramatisch zu drosseln und die „fatale Abhängigkeit vom Öl“ zu beseitigen. Dazu sei es notwendig, mehr, vor allem erneuerbare, Energiequellen zu erschließen. Fischer hält die Verteilungsfrage des Öls inzwischen nicht mehr für ein Rivalitätsthema. Aus seiner Sicht „sind wir in dieser Frage zur Kooperation verurteilt“, was er nicht negativ verstanden wissen wollte.

Der Worldwatch-Bericht erscheint seit 23 Jahren. Die Washingtoner Nichtregierungsorganisation ist eine unabhängige Forschungseinrichtung. Die deutsche Fassung wird seit drei Jahren gemeinsam mit Germanwatch und der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung erarbeitet.

Worldwatch Institute (Hrg.): Zur Lage der Welt 2005. Globale Sicherheit neu denken. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, 350 Seiten, 19,90 Euro.

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