Politik : Die uneingebildeten Kranken

Ruth Ciesinger

Wenn ein Diabetiker sein Insulin nimmt, wird ihn niemand deswegen schräg ansehen. Braucht ein chronisch Depressiver seine Medikamente, hat das in den Augen vieler oft etwas Despektierliches. Psychische Erkrankungen werden in der Bundesrepublik als Krankheit meist nicht ernst genommen, sondern als Willensschwäche abgetan. Dabei hat die Depression dem Rückenschmerz als Ursache für Arbeitsunfähigkeit den Rang abgelaufen, und die Schizophrenie ist zu einer Volkskrankheit geworden wie Diabetes. Psychische Erkrankungen insgesamt sind laut der Gesellschaft für Psychatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) Grund Nummer eins, warum die Deutschen in Frühpension gehen.

Das größte Problem ist hier die Schizophrenie, rund ein Prozent der erwachsenen Bevölkerung leidet daran. Derzeit sind es an die 365 000 Kranke, schätzt Jürgen Fritze, Geschäftsführer der DGPPN zum Auftakt des Nationalen Psychatrie-Kongresses in Berlin. Meist betrifft das Menschen um die 40, weshalb diese Frührentner auch kaum Zeit hatten, genügend Beiträge in die Rentenversicherung einzuzahlen. Das Gesundheitssystem kostet die Krankheit rund 10 Milliarden Mark im Jahr. Fritze kritisiert, dass es trotzdem nur 800 Behandlungsplätze in ganz Deutschland zur gezielten Rehabilitation dieser Kranken gibt. Ihnen müssen ganz alltägliche Dinge wie Einkaufen im Supermarkt oder der Gang auf eine Behörde wieder "beigebracht" werden. Gerade auf diese ambulante Behandlung wird laut der DGPPN zu wenig Aufmerksamkeit verwendet. Stattdessen stecke man zu viel Geld in den Ausbau von stationären Einrichtungen.

Die meisten psychisch Kranken allerdings sind depressiv. Die Zahlen schwanken zwischen vier und sieben Millionen. Fritze ist sich sicher: Hier könnte eine bessere Früherkennnung der Krankheit viele Menschen vor dem vorzeitigen Berufsende bewahren. Meist aber erkenne der Hausarzt eine Depression nicht als solche. So werden Depressive oft jahrelang wegen Schlaflosigkeit oder Gliederschmerzen behandelt, die nur Symptome der Erkrankung sind. In dem Zusammenhang loben die Wissenschaftler der DGPPN ein "Awareness-Projekt" im Raum Nürnberg. Vor rund zwei Jahren startete dort das "Bündnis gegen Depression", in dessen Rahmen Hausärzte wie auch Eltern oder Lehrer geschult werden, die Anzeichen der Krankheit zu erkennen. Denn gerade Jugendliche treibt die Depression in den Selbstmord - laut Fritze die häufigste Todesursache in der Altersgruppe. Das Nürnberger Projekt ist anscheinend erfolgreich. Während sich dort im vergangenen Jahr zwischen Januar und September 79 Menschen das Leben nahmen, waren es 2001 "nur" noch 47.

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