Politik : Die Universität ist keine Kommune

Von Richard Schröder

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Der Berliner Senator für Kultur und Wissenschaft, Thomas Flierl, möchte die Berliner Universitäten „demokratisieren“. In den satzungsgebenden Gremien soll die Professorenmehrheit abgeschafft werden. Professoren, Studenten, wissenschaftliche und sonstige Mitarbeiter sollen je ein Viertel stellen. Und er möchte das Überkreuzwahlverfahren einführen, also nicht mehr jede Gruppe ihre Vertreter, sondern die Gruppenvertreter durch alle wählen lassen. Auf diese Weise will er „das Interesse der Studierenden an einem studierbaren Studium ernst nehmen“. Die Qualität des Studiums soll sich also verbessern, wenn Studenten größeren Einfluss auf die Zusammensetzung der Gremien, die Satzungen und die Wahl des Präsidiums haben. In Wahrheit ist der Schlüssel zur Verbesserung des Studiums die individuelle Begleitung der Studenten. In Oxford oder Harvard ist das Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden etwa 1:10, in Deutschland 1:50, in Berlin ist es noch ungünstiger und unter diesem Senator durch weitere Kürzungen weiter verschlechtert worden.

Die Losung „Demokratisierung“ führt hier in die Irre, weil sie die Universität mit einem Staat vergleicht. Man stelle sich einen Staat vor, bei dem 95 Prozent der Bevölkerung jeweils in vier Jahren ausgetauscht ist. Die Wähler würden sich durch Weggang der Folgen ihrer Wahl entziehen. Das kann nicht gut gehen. Die Universität ist keine Kommune, sondern eine Institution zu einem bestimmten Zweck, und daraus ergibt sich zwingend die Asymmetrie zwischen den wenigen, die forschen und lehren und die Kontinuität garantieren müssen, und den vielen, die lernen und wechseln. Partizipation der Lernenden ist geboten, aber nicht „Demokratie“.

In einer Demokratie gilt eine Wahlbeteiligung von 50 Prozent als bedenklich, weil dann die Repräsentation durch die Gewählten nicht mehr gesichert ist. Eine geringe Wahlbeteiligung befördert Exoten. An den Wahlen zum Studentenparlament der Humboldt-Universität haben sich 7 Prozent der Studenten beteiligt, bei der letzten Wahl der Studentenvertreter für den akademischen Senat gar nur 2,7 Prozent. Flierls Pläne würden nicht den Einfluss der Studenten, sondern den von 3 bis7 Prozent der Studenten erhöhen. Von der geringen Wahlbeteiligung profitiert besonders die „Offene Linke“, die ich allerdings eher konservativ als progressiv nennen würde, weil sie ideologische Ladenhüter pflegt.

Es gibt einen markanten Unterschied zwischen den Studentenvertretern in Fakultäts- und Institutsräten auf der einen Seite und denen in den gesamtuniversitären Gremien auf der anderen Seite. Jene sind in der Regel sachbezogen engagiert, kooperativ und erfrischend. Auf gesamtuniversitärer Ebene dagegen begegnet öfter die Karikatur des Klassenkämpfers. Am besten würden die Studentenvertreter der Fakultäts- und Institutsräte aus ihrer Mitte die Vertreter für die gesamtuniversitären Gremien wählen. Das würde das Grundmisstrauen mindern, das übrigens auch die Demokratie ruiniert.

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

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