Politik : Die Unsichtbaren

Alltägliche Gewalt und die Arroganz der Isaf – Abgeordnete berichten vom Frauenleben in Afghanistan

Juliane Schäuble

Berlin - Das Kopftuch ist schon wieder heruntergerutscht. Diesmal bleibt es unten, für mehrere Minuten. Shinkai Zahine Karokhail ignoriert es, sie ist gerade in Fahrt. „Frauen in Afghanistan haben keine Wahl. Keine Wahl, welchen Mann sie heiraten, was sie anziehen. Männer dürfen alles. Sie dürfen mehrmals heiraten, ihre Frauen schlagen, und wenn sie sie umbringen, hat das meist keine Konsequenzen.“ Wenn sich das nicht ändere, komme das Land nie voran. Shinkai Karokhail lehnt sich zurück, sucht mit den Händen ihr dünnes, auberginefarbenes Tuch und zieht es wieder züchtig übers dunkelbraune Haar – wie die anderen 13 Parlamentarierinnen aus Kabul.

Eingeladen vom Auswärtigen Amt, waren die Politikerinnen zehn Tage lang in Berlin, um zu lernen, wie Politik hierzulande funktioniert. Gespräche mit Verteidigungs-, Menschenrechts- und Gesundheitsausschuss, ein Treffen mit dem Bundestagspräsidenten, dazwischen Sightseeing. An diesem Tag steht eine Spreefahrt auf dem Programm, auch die wird für Gespräche genutzt. Hat sich die Situation der Frauen in Afghanistan verbessert seit dem Sturz der Taliban? „Mädchen gehen zur Schule und dürfen arbeiten. Wir haben jetzt eine Verfassung, an der Frauen mitgearbeitet haben. Und wir Parlamentarierinnen sind ein sichtbares Zeichen der Veränderung“, sagt die Kabuler Abgeordnete Karokhail. Doch ausreichend sei das noch lange nicht.

Auf dem Papier klingt vieles fortschrittlich, was unter Staatschef Hamid Karsai – und unter den Augen der Weltöffentlichkeit – eingeführt wurde; zum Beispiel die Quote in der afghanischen Volksvertretung: Ein Viertel der Abgeordneten muss weiblich sein. „Aber in Karsais Kabinett gibt es nur eine einzige Frau, die ist für Frauenangelegenheiten zuständig“, empört sich Karokhail. In anderen wichtigen Institutionen, wie dem Obersten Gerichtshof, seien nur Männer vertreten. Zwar sei eine Menschenrechtskommission gegründet worden, und bald gebe es Botschafterinnen. Aber solange Frauen in ständiger Angst vor Übergriffen lebten, sei das nicht viel wert. „95 Prozent aller afghanischen Frauen werden Opfer von Gewalt“, schätzt Karokhail. Verlässliche Zahlen über Ehrenmorde und Selbstverbrennungen gebe es kaum, sagt Rolf Paasch von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kabul. Aber ihm seien nur wenige Fälle bekannt, in denen die Täter zur Rechenschaft gezogen wurden.

Besonders schlimm ist die Lage, wo die Warlords das Sagen haben. Wer sich widersetzt, wird bestraft. Asifa Schadab aus der Provinz Faryab im Norden des Landes erzählt von einer jungen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes dessen geistig behinderten Bruder heiraten sollte. „Sie weigerte sich und floh, doch ohne Erfolg: Ihre Schwiegereltern haben sie aufgespürt und umgebracht.“ Damit nicht genug, hätten die Eltern des Mädchens eine weitere junge Frau bei lebendigem Leibe mit begraben. „Sie mussten sich ja noch persönlich von ihrer Schande reinwaschen.“

Vier Jahre ist der Sturz der Taliban her, doch die Bedrohung der Frauen wächst wieder. Gerade erst wurde die Frauenbeauftragte der südafghanischen Provinz Khandahar ermordet, wohl von den Taliban. Politisch aktive Frauen und Verfechter von Frauenrechten schweben in Lebensgefahr. Selbst in der Hauptstadt Kabul gibt es immer wieder Übergriffe und Anschläge. Ein Ziel der radikalislamischen Kämpfer ist es, Frauen wieder aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Ihre Ideologie fällt bei vielen Traditionalisten auf fruchtbaren Boden. „Mein Mann hat mich geschlagen und dann verlassen. Damit bestraft er mich für mein politisches Engagement“, sagt Karokhail. Nun ist sie mit ihren vier Kindern alleine.

Dass die Bevölkerung die Taliban zunehmend unterstützt, erklärt Asifa Schadab auch mit dem Vorgehen der internationalen Truppen: „Sie führen sich oft wie Besatzer und nicht wie Beschützer auf. Und sie missachten unsere Traditionen: Sie stürmen Häuser, ohne darauf zu achten, dass fremde Männer Frauen nicht ins Gesicht starren dürfen.“

Vom schwachen Staat kaum geschützt, reagieren die afghanischen Frauen auf bekannte Art: Sie werden wieder unauffälliger. „Außerhalb von Kabul trage ich einen längeren Schal als diesen“, erzählt Karokhail. Bestimmte Gegenden meide sie ganz. „Vielleicht die Hälfte der Frauen wirft draußen die Burka über“, sagt Rolf Paasch. Vor nicht allzu langer Zeit stand das Abstreifen dieses Vollschleiers für die Befreiung vieler afghanischer Frauen.

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