Politik : "Die USA haben Angst, daß China stark wird"

HARALD MAASS

PEKING .Am späten Montag vormittag marschieren sie wieder.Diesmal sind es vor allem Rentner und Angestellte, die vor der amerikanischen Botschaft in Peking ihrer Wut und ihrer Verbitterung Luft machen.Bereits am Mittag geht die Zahl in die Tausende.Statt Haßparolen sind ihre Gesänge meist patriotisch."Liebt das Mutterland!", rufen sie."Laßt uns China wieder stark machen!"

Die Bilder unterscheiden sich vom Wochenende.Nur wenige schmeißen Steine.Viele der älteren Demonstranten haben kleine bunte Fähnchen mitgebracht.Wie chinesische Reisegruppen marschieren sie in ordentlichen Reihen hinter Bannern mit den Namen ihrer Fabriken.Montag ist der erste Arbeitstag seit Beginn der Proteste.Offensichtlich von der Regierung organisiert, sind aus manchen Staatsunternehmen ganze Belegschaften mit Bussen angereist.Die meisten Studenten bleiben an den Universitäten.Die Stimmung unter den Demonstranten ist dennoch aufgeheizt.Am späten Nachmittag kommt es wieder zu Ausschreitungen.Immer wieder wird Ausländern giftig die Frage zugerufen: "Bist Du Amerikaner?" Für einige spielt die Nationalität keine Rolle mehr."Verpißt Euch!", rufen sie im Vorbeigehen Ausländern zu.Die Mehrzahl der Demonstranten ist jedoch friedlich."Wir haben nichts gegen das Ausland.Unser Feind ist Clinton.Der ist doch ein Nazi", sagt Wohnungsmakler Li.

Mit einem Kollegen hat er am Morgen das Büro verlassen, um an den Demonstrationen teilzunehmen."Unsere Regierung muß hart bleiben", fordert der Mittvierziger unter dem Beifall der Menge."Die Mörder, die unsere Botschaft bombardiert haben, müssen bestraft werden." Dann ereignet sich ein Phänomen, das man in diesen Tagen immer wieder beobachtet.Nach wenigen Minuten redet sich Li in Rage."Clinton ist ein Dämon.Er hetzt Amerika gegen uns auf", sagt der Mann mit lauter werdender Stimme."Wir wollen keinen Krieg.Aber wenn er kommt, haben wir keine Angst.Wir sind 1,2 Milliarden Menschen." Jubel bricht unter den Demonstranten aus.

Wie schon bei früheren wichtigen Ereignissen erscheinen die Zeitungen am Montag mit Verspätung.Die Signale der zentral gelenkten Staatsmedien sind zweideutig.Die meisten Blätter bringen die Fernsehansprache von Vizepräsident Hu Jintao auf dem Titel, der in der Nacht vor "extremen Aktionen" gewarnt hat.Die "Beijing Ribao" (Pekinger Tageszeitung) ruft in einem Kommentar dazu auf, "die riesige Empörung in Kraft zum Aufbau des Vaterlandes zu verwandeln".Clintons Entschuldigung wird mit keinem Wort in den Medien erwähnt.Die Intellektuellenzeitung "Guangming Ribao" ruft auf, "Blut mit Blut zu vergelten".

Die Demonstranten geben die Stimmungsmache in nationalistischen Parolen weiter.Nur wenige sprechen am Montag noch vom Kosovo-Krieg."Die USA haben unsere Botschaft absichtlich zerstört", sagt die 16jährige Gai."Die Amerikaner haben Angst, daß China stark wird, die wollen doch die Welt beherrschen."

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