Politik : „Die USA haben die Welt gegen sich“

Politologe Czempiel nennt US-Feldzug einen Angriffskrieg

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Ein neuer Krieg hat begonnen. Wo sehen Sie Parallelen und Unterschiede zum Golfkrieg von 1991?

Ich sehe eigentlich nur Unterschiede. Damals autorisierten die Vereinten Nationen Gewalt zur Vertreibung der irakischen Truppen, die zuvor Kuwait überfallen hatten. Es gab eine breite internationale Koalition. Heute gibt es weder eine Autorisierung durch die Vereinten Nationen noch einen auch nur annähernd überzeugenden Grund für den Krieg. Zudem sind es diesmal die Amerikaner, die einen Angriffskrieg führen, mit nur wenigen Alliierten.

Welche Folgen hat der Krieg für das Verhältnis der USA zu Europa, zu dem Teil Europas, der gegen den Krieg ist?

Ich stimme dem britischen EUKomissar Chris Patten zu, der von einem sehr schlechten Kapitel in den transatlantischen Beziehungen gesprochen hat. Andererseits könnte aus dem politischen Widerstand, den Frankreich und Deutschland gegen die US–Pläne mobilisiert haben, eine Kernzelle für eine eigenständige EU-Außenpolitik werden, die das amerikanische Übergewicht langfristig austarieren kann.

Die USA haben auch Unterstützer in Europa.

Bush und Blair sind mit ihrer Politik fast isoliert. Die europäischen Regierungen, die den Krieg unterstützen, haben ihre Bevölkerung gegen sich. Weltweit demonstrieren Menschen für den Frieden. Auch wenn sie im Krieg siegen - den Streit um die Meinung der Weltöffentlichkeit haben die USA schon verloren. Genauer gesagt, die Bush-Administration, die nicht für alle Amerikaner steht.

Was können die USA tun, um die Stimmung zu ihren Gunsten zu wenden?

Sie hoffen auf einen schnellen Sieg und auf Fernsehbilder von jubelnden Menschen in Bagdad, die die US-Truppen als Befreier begrüßen. Aber das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Welche Rolle spielen jetzt noch die UN?

Im Vorfeld des Krieges war der Sicherheitsrat sehr wichtig, da er die von Bush geforderte Zustimmung zum Krieg abgelehnt hat. Jetzt, während des Krieges werden die UN überhaupt keine Rolle mehr spielen. Allerdings werden die USA nach dem Krieg auf sie zukommen, damit sie den Wiederaufbau organisieren und finanzieren. Doch es ist fraglich ob die Vereinten Nationen zustimmen, denn sie haben den Krieg ja nicht autorisiert.

Das Gespräch führte Alexander Visser.

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