Politik : Die USA und Europa: Fremd oder einfach nur anders?

Albrecht Meier

Berlin - Hätten die Europäer die US-Präsidentschaftswahl am 2. November zu entscheiden gehabt, hätten sie wohl für John Kerry gestimmt. Ist das nun schon ein Indiz für eine wachsende Kluft zwischen Europa und den USA? Sogar ein Zeichen der Entfremdung? Wenn man sich fremd wird, gehören immer zwei dazu – das wurde am Montagabend beim „Treffpunkt Tagesspiegel“ zum Stand der transatlantischen Beziehungen deutlich.

„Nach den Wahlen in den USA: Wie es zwischen dem alten Europa und der neuen Welt weitergeht“, lautete die Frage. Einhellige Meinung des Podiums im Hotel Intercontinental: Wer als Europäer vor dem 2. November felsenfest an eine Niederlage von George W. Bush geglaubt hat, muss offenbar einiges übersehen haben: Zum Beispiel den Kriegszustand der USA seit dem 11. September oder den ungebrochenen Patriotismus auf der anderen Seite des Atlantiks. Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose brachte es auf die Formel: Es gibt einen Mainstream in den USA – aber der Filmemacher Michael Moore gehört entgegen der hiesigen Wahrnehmung nicht dazu.

Unionsfraktionsvize Wolfgang Schäuble forschte im Verlauf der Diskussion nach tieferen Ursachen für die unterschiedlichen Sichtweisen in den USA einerseits und in europäischen Ländern andererseits. In der deutschen Bevölkerung, erinnerte der CDU-Politiker, seien Zweifel an der Militärmacht USA schon Ende der siebziger Jahre und Anfang der achtziger Jahre im Verlauf der kontroversen Diskussion um den Nato-Doppelbeschluss aufgekommen.

Wird die Entfremdung zwischen Europäern und Amerikanern in den nächsten vier Jahren mit „Bush zwei“ zunehmen? Schäuble und Klose sahen immerhin Anzeichen für eine neue Nahost-Initiative Bushs. Skeptisch zeigten sich die Diskutanten, zu denen auch Tagesspiegel-Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller und Thomas Risse, Direktor der Arbeitsstelle Transatlantische Außen- und Sicherheitspolitik der FU Berlin, gehörten, mit Blick auf die US-Klimapolitik. Oder wie es Pia Bungarten, Leiterin der Abteilung Internationaler Dialog der Friedrich-Ebert-Stiftung, formulierte: „Amerika ist nicht die Fortsetzung Europas mit anderen Mitteln.“

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