Die USA und Europa : Fünf Thesen zur Zukunft des Westens

Der Fokus auf Integration macht Europa unflexibel, die Positionierung als Friedensmacht führt zu einem Mangel an strategischem Denken. Doch obwohl der Westen in seiner alten Form nicht mehr existiert, wird er immer wichtiger. Ein Gastkommentar.

John Kornblum
EU-Fahnen und US-Fahnen wehen in Hamburg auf einer noch nicht fertig aufgebauten Achterbahn. 
EU-Fahnen und US-Fahnen wehen in Hamburg auf einer noch nicht fertig aufgebauten Achterbahn. Foto: Henrik Josef Boerger/dpa

Wir durchleben zum vierten Mal in den vergangenen hundert Jahren einen totalen Umbruch. Wir sind sehr schnell, fast lautlos in eine neue Zeitrechnung gekommen. Diese Entwicklung ist vor allem ein Produkt westlicher Wissenschaft und Innovationsgeist. Aber sie bedeutet auch eine besondere Herausforderung.

Die Welt der festen Strukturen, die Welt der hierarchischen Führungsmethoden, die Welt des sicheren Wirtschaftswachstums, ist verschwunden. Ohne dass die meisten von uns es überhaupt bemerkt haben. Unsere politische Führung hat die Implikationen offensichtlich auch nicht ganz verstanden. Der neue Populismus auf beiden Seiten des Atlantik ist ein Zeichen dieser Versäumnisse. Aber auch der Terrorismus.

Besonders bedeutend sind die Konsequenzen für Europa. Die Hoffnung, Europa hätte eine neue Art von „Friedenspolitik“ erfunden, kommt uns spätestens seit dem 22. März ziemlich illusorisch vor. Wie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 9. September vergangenen Jahres sagte, „unsere EU ist in keinem guten Zustand“. Wenn die europäischen Partner sich nicht aufrappeln, kann der Westen nicht gedeihen.

Es ist jetzt zu früh, feste Konklusionen aus diesen radikalen Änderungen zu ziehen. Statt Zukunftsvisionen deshalb im Folgenden fünf Thesen als Beitrag zur Debatte:

I. Die Geschichte ist nie zu Ende

Die Stunde Null von 1945 ist jetzt die Stunde Null Komma Fünf. Man muss stetig versuchen, sich geschichtlich zu orten.

Befinden wir uns wieder in einer neuen Epoche oder leben wir immer noch in der Welt von 1990? Wir dürfen nicht vergessen – seit 1990 sind 26 Jahre vergangen. Mehr als genug, um in eine neue Zeitrechnung einzutreten.

Und vor allem: War 1945 wirklich die Stunde Null oder nur der Anfang einer Erholungsphase zwischen zwei Epochen des rücksichtslosen Wandels, verursacht durch die industrielle Revolution? Eine Revolution, die sich dramatisch wieder angemeldet hat?

II. Wir erleben eine totale Umstrukturierung von Wirtschaft und Gesellschaft

So genannte Hochgeschwindigkeitsnetze ermöglichen neue Verbindungen ohne Grenzen und ohne Mitte.

In der Vergangenheit war die Produktion stets nah bei den Rohstoffvorkommen und Absatzmärkten angesiedelt, um Produkte schnell auf den Markt bringen zu können. Seit dem 19. Jahrhundert orientiert sich unsere Gesellschaftsordnung an diesen Gegebenheiten.

In einer Welt global integrierter Produktion verlieren aber die Faktoren „Zeit“ und „Standort“ an Bedeutung. Alte Industrielandschaften werden verschwinden. Die Energiewirtschaft wird besonders dramatisch getroffen. Zunehmend sind Energiequellen nicht mehr strategisch, sondern Commodities, die überall zu kaufen sind.

Leider hat der Mauerfall Europa auf dem falschen Fuß erwischt. Die Existenz dieser globalen Faktoren war uns damals noch nicht so klar wie heute. Es schien den Europäern logisch zu sein, sich hauptsächlich mit der Einigung Europas zu beschäftigen.

Der Fokus auf der Integration hat aber fast zwangsläufig zu einer defensiven Haltung gegenüber Wandel geführt, das Beharren auf Vereinheitlichung als Grundpfeiler der Integration hat die wunderbare Vielfältigkeit Europas unterdruckt. Das Ergebnis: Eine defensive Haltung gegen alles was „Europa“,  wie es von Brüssel definiert wird, in Frage stellt. Ein europäisches Facebook oder Google könnte es unter diesen Umständen nicht geben. Wie die Entwicklungen in Mitteleuropa uns zeigen, wurde eine Auseinandersetzung mit der neuen Lage durch feste Regelungen ersetzt. Die EU ist dadurch nicht mehr beweglich genug, um Veränderungen positiv anzugehen.

Einige hier in Deutschland mögen argumentieren, dass ich die falschen Fragen stelle. Sie würden behaupten, dass Deutschland über den Punkt, traditionelle Werte und individuelle Leistung definieren zu müssen, längst hinaus ist.

Sie würden vielleicht behaupten, dass Europa aufgrund der gemeinsamen Werte und Gesetze mit seiner Vielzahl gleichberechtigter Partner nun das Identifikationszentrum sei. Und dass in diesem neuen Gesellschaftsmodell und nicht in der leistungsorientierten Globalisierung die Zukunft läge.

Das alles ist möglich; es ändert aber nicht die Richtung der praktischen Fragen.

- Die Konsenspolitik der Nachkriegsära erzielt nicht mehr die gewünschten Ergebnisse und Fortschritte. Es fehlt an Dynamik und Innovation. Stichwort: Technologie

- Der Fokus auf Gleichheit und „Europabauen“ führt zu einem Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Stichwort: Flüchtlingspolitik.

- Sich als „Friedensmacht“ zu definieren führt zu einem gefährlichen Mangel an strategischen Denken. Nicht jedes Problem kann durch Dialog behandelt werden. Stichwort: Terrorismus, Russland.

Die Schlüssel zur Zukunft gehören nicht denen, die bestehende Strukturen vertiefen, sondern denen, die wissen, wie man Kapital und Talent für eine neuartige, vernetzte Zivilgesellschaft am besten einsetzt.

III. Der Westen in seiner alten Form existiert nicht mehr. Deshalb wird er immer wichtiger.

Allmählich werden beide Seiten des Atlantik verstehen, dass sie eine neue Art von Zusammenarbeit brauchen – einen globalen Atlantik.

Innovation funktioniert nun mal am besten in offenen Gesellschaften, die zu Dialog und Risiko ermuntern. Wenn die erneuerte atlantische Gemeinschaft eine pragmatische Vision von Offenheit und Transparenz verfolgt, kann sie gemeinsam mit den Schwellenländern die neue wirtschaftliche Geographie meistern und Gerechtigkeit, Wohlstand und Frieden erhalten.

Um das alles zu sichern, sollten die neuen Netzwerke auf der Basis von westlichen Prinzipien aufgebaut werden. Warum? Weil nur die Offenheit und die Objektivität der westlichen Werte die notwendige Effizienz, verbunden mit persönlicher Freiheit, liefern kann. Das aber verlangt eine neue Art atlantischer Zusammenarbeit.

Amerika hat immense Ressourcen und eine besondere Gabe, seinen Einfluss innovativ anzuwenden. Aber es fehlt den Amerikaner die Geduld angesichts der veränderten internationalen Kräftegleichgewichte. Sie brauchen dringend selbstbewusste europäische Partner, die eine längerfristige Sicht beitragen können. Die Stärken beider Seiten des Atlantiks könnten eine solide, nachhaltige Entwicklung ermöglichen.
Wir scheinen aber nur langsam zu verstehen, dass unsere Gesellschaften nicht blühen können, wenn wir unsere gemeinsame Zukunft nicht im globalen Maßstab definieren.

IV. Deutschland wird sich zum Impulsgeber für Europa und Eurasien entwickeln

Aber nicht zur führenden Macht Europas. Kürzlich war ich dabei, als Finanzminister Wolfgang Schäuble in London eine Rede zur Zukunft Europas gehalten hat. Er bediente sich nicht der üblichen Durchhalteparolen, sondern betonte ohne Zurückhaltung, dass Deutschland zunehmend eine „Managing Role“ im Westen übernehmen würde.

Schäuble redete weder von Macht, noch von Führung. Pragmatismus und nicht Ambition war seine Devise. Ich bin sicher: Egal was jetzt passiert, diese Zurückhaltung wird im Kern der Deutschen Politik bleiben.

Aber Deutschland fühlt sich in seiner zentralen Rolle noch immer nicht sicher. Es gibt zu viele Traumata aus der Vergangenheit.

Wie die zweideutige Reaktion auf Russland immer wieder zeigt, haben manche Deutsche ihre Managing Role im Westen noch nicht verinnerlicht. Sie werden immer noch von der Mentalität der alten Mitte beeinflusst, ohne zu erkennen, dass sie eigentlich schon das Zentrum einer global integrierten europäischen Welt bilden. Einer Welt, die auf den Prinzipien des Westens gebaut worden ist.

Nach so vielen Jahren Suche nach der eigenen „Normalität“ scheint es für Deutsche schwierig zu sein, die Normalität der westlichen Gemeinschaft zu vertreten und zu verinnerlichen.

V. Eine enge Bindung zwischen Europa und den USA bleibt unerlässlicher Bestandteil des gemeinsamen Erfolgs

Im Klartext: Die atlantische Bindung bietet gerade für Handelsmächte von Weltrang wie Europa und die USA eine extrem leistungsfähige und kostengünstige Plattform, die man nirgendwo sonst finden könnte. Nur durch eine globale transatlantische Gemeinschaft kann ein noch zerstrittenes Europa die Konkurrenz der neuen Industriemächte und die Gefahren der regionalen Konflikte meistern. Und nur durch Solidarität mit Europa können die Vereinigten Staaten ihre globale Rolle erfolgreich durchsetzen.

Im Jahr 2003 schrieb der bedeutende, inzwischen verstorbene deutsche Soziologe Ulrich Beck: „Die Geburt des unkriegerischen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch die Organisationskraft und die Präsenz Amerikas auf dem Kontinent ermöglicht. (...) In welchem Ausmaß ein rein europäisches Europa (...) möglich ist, ist höchst fraglich.“

Aber aufgrund ihrer einzigartigen Dynamik sind die Vereinigten Staaten für Nichtamerikaner immer undurchsichtig gewesen. Und in Krisenzeiten werden herkömmliche Vorstellungen und Ansichten der amerikanischen politischen Kultur zunehmend ungenauer.

Das Ergebnis? Europa – vor allem Deutschland - scheint zunehmend an dieser Bindung nach Amerika zu zweifeln. Der Wunsch nach dem Schutz „Europäischer Werte“ ist eigentlich eine Abwehrreaktion auf die disruptive Kraft der amerikanischen Gesellschaft, die immer stärker wird. Aber gerade die Abschottung Europas von Amerika stellt die größte Gefahr dar.

Wie stellt sich eine Nation wie Deutschland, die emotional noch erstaunliche eng an die Vereinigten Staaten gebunden ist, einem dramatisch anmutenden Vertrauensverlust mit seinem Verbündeten in Washington, ohne seine Position als globale Wirtschaftsmacht zu verlieren? Wie ich schon angedeutet habe: Einen Mittelweg gibt es nicht.

Der berühmte amerikanische Kommentator Walter Lippmann schrieb schon 1943: „Der Atlantische Ozean bildet nicht eine Grenze zwischen Europa und Amerika. Er ist vielmehr der Binnensee für eine Gemeinschaft der Völker, die durch Geographie, Geschichte und dringende Notwendigkeit miteinander alliiert sind. (...) Niemand kann aus dieser großartigen Gemeinschaft ausgeschlossen sein. Aber Austreten ist auch nicht möglich. Die geographische Mitte dieser Gemeinschaft bildet das atlantische Becken.“

John Kornblum ist Senior Counsellor der Noer LLP. Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland ist mit Fragen der transatlantischen Beziehungen eng vertraut.
John Kornblum ist Senior Counsellor der Noer LLP. Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland ist mit Fragen der transatlantischen...Foto: Kai-Uwe Heinrich

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