Politik : Die verratene Revolution

Auch 25 Jahre nach dem Sturz der Diktatur in Nicaragua herrscht große Armut

Martin Jordan[Managua]

„Die Revolution hat weder die ersehnte Gerechtigkeit für die Unterdrückten gebracht, noch konnte sie Reichtum und Entwicklung schaffen. Als wichtigsten Nutzen hinterließ sie aber die Demokratie.“ Diese Zeilen, die der nicaraguanische Schriftsteller Sergio Ramirez vor fünf Jahren zum 20. Jahrestag der sandinistischen Revolution schrieb, haben auch fünf Jahre später noch Gültigkeit.

Am 19. Juli 1979 zogen die linken Rebellen der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) triumphierend in die Hauptstadt Managua ein. Staatspräsident Anastasio Somoza hatte das Land verlassen – die fast 40 Jahre dauernde Diktatur des Somoza-Clans war beendet. Nicaragua hatte plötzlich viele neue Freunde. Sozialdemokratische Politiker aus Europa kamen in das lateinamerikanische Land, um den FSLN-Kommandanten Daniel Ortega zum Sieg über das rechte Regime zu beglückwünschen.

Nicaragua bekam mit dem Umsturz aber auch neue Feinde: Die USA wollten ein „zweites Kuba“ in ihrem mittelamerikanischen Hinterhof nicht hinnehmen. Sie verhängten nach dem Amtsantritt von Präsident Ronald Reagan Anfang 1981 ein Handelsembargo und rüsteten die rechten Contra-Rebellen auf. Es kam zu einem neuen Bürgerkrieg. Die katastrophale Wirtschaftspolitik stürzte das Land noch tiefer ins Chaos. 1988 lag die Inflation bei unvorstellbaren 36 000 Prozent. Als Folge verloren die Sandinisten die ersten freien Wahlen im Februar 1990. Ortega gab sein Präsidentenamt an die konservative Verlegerwitwe Violeta Chamorro ab. Seither bemühte er sich bei zwei Wahlen vergeblich um ein Comeback. Die FSLN hat er nach wie vor fest im Griff. Zur Erhaltung seiner Macht schließt er Pakte mit dem politischen Gegner. Ihm und anderen FSLN-Oberen wird Bereicherung vorgeworfen. Für viele ist Ortega daher der Verräter der Revolution. Schriftsteller Ramirez hat sich längst losgesagt von seinem Weggefährten Ortega, in dessen Regierungen er Vizepräsident war. „Hat es sich letztlich gelohnt?“, fragt er in seinem Buch.

Mehr als 100 000 Menschen sind während der Revolution und des Contra-Kriegs getötet worden. Rund 50 Prozent der 5,2 Millionen Einwohner sind auch heute unter dem liberalen Präsidenten Enrique Bolano amtlichen Schätzungen zufolge arbeitslos. Sieben von zehn Nicaraguanern leben unterhalb der Armutsgrenze.

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