Politik : "Die Vertriebenen": Blut, Schweiß und Tränen

Hannes Schwenger

Es war Ernst Reuter, der in seiner letzten Rede als Oberbürgermeister von Magdeburg 1933 warnte: "Dieses Regime, das aufzieht, bedeutet Krieg, das ist der Sinn dieses Regimes. Unter diesem Regime muss unser Vaterland endgültig zu Grunde gehen. Wir werden den Osten verlieren."

So ist es gekommen. Zwölf Jahre später waren Millionen Deutsche auf der Flucht aus ihrer Heimat im Osten - 14 Millionen insgesamt, schätzen die Autoren der Dokumentation "Die Vertriebenen". Ob auf der Flucht, aus Haus und Hof gejagt oder zwangsdeportiert: Vertriebene waren am Ende alle, egal ob man sie Flüchtlinge, Heimatvertriebene oder - wie in der DDR verordnet - beschönigend als Umsiedler bezeichnete. Oder ob man es so drastisch ausdrückte wie der Vater der heute 62-jährigen Zeitzeugin Eva-Maria Hahn aus Böhmen: Er habe "den so genannten Rausschmiss nie verwunden".

Es hat Nachbarn in der neuen Heimat gegeben, die ihnen selbst das übel nahmen. Mit wie viel Hohn, Spott und politischer Verdächtigung als "Revanchisten" mussten Vertriebene leben, die sich in Landsmannschaften, Heimatbünden und Kulturgemeinden das öffentliche Gedenken an ihre Heimat nicht nehmen lassen wollten; von der Interessenvertretung in Parteien und Verbänden ganz zu schweigen. In der DDR, wo ihre Interessen "von oben" - etwa bei der Landverteilung nach der Bodenreform - geregelt wurden, war dergleichen gänzlich verboten, so dass von den dort aufgenommenen vier Millionen Vertriebenen noch einmal 600 000 nach Westen weiterflohen. Sogar in den Westzonen gab es anfangs ein "Koalitionsverbot" für Flüchtlingsparteien, bevor sich nach Gründung der Bundesrepublik der "Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE) zur Regierungspartei mausern konnte. Auch das war wohl nötig, um Lastenausgleich und Integration in der Bundesrepublik durchzusetzen. Immerhin hat diese Partei der Sonderinteressen sich so überflüssig gemacht.

Auch das war kein Happy End, das es für eine solche Geschichte von Blut, Schweiß und Tränen niemals geben wird. Darüber berichten - den 1964 geborenen Autor und Historiker K. Erik Franzen übertönend - am eindringlichsten die Zeitzeugen: Vom blutigen Schrecken der Vertreibung, vom Schweiß der frühen Aufbaujahre, von den späten Tränen um das Verlorene und den - seltenen - Freudentränen über ein Wiedersehen. Die Ermordeten, die Verhungerten, die Opfer der Trecks und Schiffstragödien - allein beim Untergang der "Wilhelm Gustloff" starben in der Ostsee 9000 Flüchtlinge! - sind längst verstummt.

Mitherausgeber Hans Lemberg, Kopräsident der deutsch-tschechischen und -slowakischen Historikerkommission, erinnert in seinem Vorwort an die Vorbereitung der Völkermorde und Vertreibungen des 20. Jahrhunderts durch die "Wahnidee" einer "ethnischen Homogenisierung" europäischer Nationalstaaten im 19. Jahrhundert. Das Zwanzigste hat im Vertrag von Lausanne 1923 - zuerst praktiziert von Griechenland und der Türkei - sogar eine staatsrechtliche Grundlage dafür geschaffen.

Aber die Exekutoren dieser Idee von Hitler und Stalin bis Slobodan Milosevic haben nicht nur nationale Minderheiten, sondern ganze Völker ohne Recht und Vertrag "umgesiedelt" und dezimiert. Dieselben Züge, die Häftlinge ins KZ Auschwitz brachten, transportierten "Volksdeutsche" auf der Rückfahrt "heim ins Reich". Dieselben Lager, in denen Hitler seine Opfer "konzentrierte", dienten - zum Beispiel Theresienstadt und Dachau - nach deren Befreiung als Lager für unerwünschte und vertriebene Deutsche. Wie die Zustände dort waren, hält die Erinnerung an die "Dachauer Lagerrevolte" 1948 fest. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis die bundesdeutschen Neubürger aus Lagern und Nissenhütten wieder in eigene vier Wände umziehen konnten; das letzte Wohnungsbau-Programm für Vertriebene wurde erst 1961 eingestellt. Arbeit war in Ost und West schneller gefunden, vor allem auf dem Bau, im Bergbau und - im Westen - im Automobilbau. Nur wenige Glückliche kamen aus eigener Kraft oder mit staatlicher Förderung wieder im alten Beruf und im eigenen Betrieb unter wie im bayrischen "Neu-Gablonz". Das erste Lokal, das dort eröffnete, hieß "Zur Wahrheit". Mancher trank auch dort nur Magenbitter.

Der Untertitel der Dokumentation ist nicht ohne Versuchung, sich als "Hitlers letzte Opfer" zu fühlen. Damit keine neue Legende entsteht, schließt das Buch Hitlers eigene Taten, ihre Mittäter und Opfer mit ein. Dass Polen, Russen und Tschechen zu Wort kommen, sei den Autoren "besonders wichtig", heißt es im Vorwort.

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