Politik : Die verwahrloste Gesellschaft Von Gerd Nowakowski

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Die Idylle gab es nicht. Der Täter, der einen siebenjährigen Jungen erschlug, konnte nur ein Fremder sein – dessen war sich die Stadt sicher. Doch der Zehlendorfer Kiez, in dem Kinder barfuß herumlaufen können ohne Arg vor der Welt, wo die Nachbarn einander kennen und Fremde sofort auffallen, war keine heile Welt. Und ebenso wenig eine ruhige Villengegend, wie es der Berliner Sozialatlas suggeriert, der den Stadtteil auf der Sonnenseite des Lebens sieht – mit dem höchstem Einkommen, der höchsten Lebenserwartung der Stadt. Der Tatort ist vielmehr ein sozialer Brennpunkt mit arbeitslosen Eltern und unbeaufsichtigten Jugendlichen. Was schockt mehr? Dass es kein Fremder war, der von außen einbrach in eine friedfertige Gemeinschaft und ein Kind erschlug? Oder dass der Täter ein Jugendlicher war, den jeder Anwohner kannte? Der in die Kita ging und Fußball spielte und dann wegrutschte in eine Spirale von Gewalt und Drogen und am Ende ein Kind „aus Frust“ erschlug.

Die Jugendkriminalität in der Stadt ist rückläufig, sagt die Statistik. Doch Sozialarbeiter und Kiezpolizisten in Problembezirken erfahren täglich, dass Jugendbanden kleine Kinder bedrohen, dass Drogen oft der einzige Tagesinhalt von Heranwachsenden sind. Davon ist auch Zehlendorf nicht verschont. Zu diskutieren ist, ob das Verbrechen geschehen konnte, weil Menschen nicht wahrnehmen wollten, wie sich ein Jugendlicher veränderte, sondern wegschauten, bis es zu spät war. Noch schlimmer ist, dass der Siebenjährige möglicherweise deshalb starb, weil ein Richter vor kurzem den Täter nach einer Gewalttat von der Haft verschonte.

Die Proletarisierung, die der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm in Ostdeutschland zu erkennen meinte, ist offenbar ein gesellschaftliches Phänomen, dass es auch in der alten Bundesrepublik gibt. Die verwahrloste Gesellschaft ist überall. Das gilt für die Familie in Hamburg, die ihre siebenjährige Tochter verhungern ließ, und das furchtbare Martyrium eines kleinen Jungen im Saarbrücker Armenmilieu. Es mag im westlichen Berlin nicht jene rechtsradikalen Banden geben, deren menschenverachtende Ideologie einen Foltermord, wie im brandenburgischen Potzlow, ermöglichte. Doch der Mord in Zehlendorf hat alle Züge der gleichen Verrohung.

Besorgt werden in Berlin die Problemkieze Neukölln und Kreuzberg beobachtet, wo unter Migranten durch fehlende Sprachkenntnisse, hohe Arbeitslosigkeit und Akzeptanz von Gewalt eine brisante Mischung entstanden ist. Doch die Verwahrlosung und der Werteverfall sind längst universell. Die sozialstaatliche Gemütlichkeit gibt es nicht mehr. Jugendliche wachsen oft in einem moralischen Vakuum auf. Kinder, so klagt eine Sozialarbeiterin, die den Täter aus Zehlendorf seit Kita-Tagen kannte, werden von Eltern mit fünf Euro auf den Spielplatz geschickt, nach dem Motto: Nun lass mich in Ruhe. Solche Ignoranz kann tödlich sein. Das hat sich erst vor zwei Wochen gezeigt: Neun Menschen starben bei einer Brandstiftung in einem Berliner Wohnhaus, weil die Mutter nicht wusste, was ihr zwölfjähriges Kind spät in der Nacht trieb – und es vielleicht auch nicht wissen wollte. Und der Täter aus Zehlendorf ging auf jene Hauptschule, in der auch ein durch viele Rohheitsdelikte aufgefallener Jugendlicher mehrere Lehrer verprügelte. Und der Vater des Prüglers rechtfertigte dessen Taten hinterher öffentlich.

Berlin, die Hauptstadt der Atheisten, diskutiert seit Jahren ebenso erbittert wie ergebnislos über einen verpflichtenden Wertekunde-Unterricht. Ein solides Fundament an Werten, das haben viele Familien auch jenseits einer religiösen Orientierung erkannt, ist für die Entwicklung von Kindern unverzichtbar. Für den inneren Frieden einer Gesellschaft ist das wichtiger, als beim Pisa-Ranking vorn zu landen. Beim Senat indes hat das Thema keine Konjunktur. Wertevermittlung wird als nachrangige Aufgabe betrachtet. Gerungen werden muss um eine Erziehung zur Zivilisierung, die Kindern klare Werte vermittelt. Sie muss im Elternhaus beginnen und in der Schule weitergehen. Berlin aber geht, wegen seiner Geldnot, andere Wege: Von den Schulstationen, die sich um problematische Jugendliche kümmern, wurden viele abgeschafft.

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