Politik : Die Vieh-Katastrophe: Ein Land unter Quarantäne

Hendrik Bebber

"Wir alle müssen vorläufig mit einer Zeitbombe leben", meint Ross Keeval und wirft "Elsie" eine Rübe zu, die die Muttersau behaglich zwischen den Zähnen zermalmt. Das ist ein gutes Zeichen, denn Appetitlosigkeit ist ein erstes Symptom der Maul- und Klauenseuche, deren Ausbruch die britischen Bauern in Panik versetzt. Auch die anderen Schweine und Schafe des Biobauern in Bathford bewegen sich ruhig anstatt mit bläschenüberzogenen Füßen dahinzustolpern. Doch das kann sich schlagartig ändern, wenn die Seuche weiter um sich greift.

Spätestens in einer Woche wird Keeval Gewissheit haben, ob die Quarantäne und das Exportverbot gegen die Weiterverbreitung der Maul- und Klauenseuche erfolgreich waren. Bei dem nun aktiven Virus beträgt die Inkubationszeit meist nur 48 Stunden. Gefeit dagegen ist niemand.

Um wenigstens die unmittelbare Ansteckungsgefahr zu mindern, hat das Landwirtschaftsministerium im Umkreis von 15 Kilometern eine Quarantänezone um Little Warley gelegt. In dem Schlachthof des Dorfes in Essex wurden die ersten Fälle der Seuche entdeckt. Doch auch in einem vierhundert Kilometer entfernten Hof in Northumberland ist die Seuche ausgebrochen. Der Bauer gehört zu den Lieferanten des Schlachthofs in Little Warley. Hier wurden die von anderen Bauern aufgekauften Schweine gemästet. Die Veterinäre vermuten, dass die Seuche schon seit zwei Wochen in Heddon-on-the Wall grassiert. Sie sprang auch auf eine benachbarte Rinderzucht über. Wie alle Betroffenen ist er nun auf seiner Farm eingesperrt, und jeder Austausch mit der Außenwelt ist verboten.

Während die Veterinäre des Landwirtschaftsministeriums noch nach dem Herd der Seuche suchen, kursieren Theorien, warum Großbritannien nach zwei Jahrzehnten wieder davon befallen wird. Der Bauernverbandspräsident, Ben Gill, macht dafür die Globalisierung verantwortlich: Es sei wohl mehr als ein Zufall, dass vergangenes Jahr die Schweinepest in East Anglia von aus Asien stammenden Erregern verursacht wurde. Und jetzt ist das Virus für die Maul- und Klauenseuche wieder als ein bislang nur in Asien vorkommender Erreger identifiziert worden. "Das stellt ernste Fragen an den freien Welthandel."

"Das ist das Letzte, was unsere Bauern brauchen", stöhnte Premierminister Tony Blair, als er von der Katastrophe informiert wurde. Wegen des strikten Ausfuhrverbotes für Lebendvieh, Fleisch- und Milchprodukte erleidet die britische Landwirtschaft täglich einen Verlust von zehn Millionen Mark.

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