Politik : Die Volksbahn kommt

DAS NEUE PREISSYSTEM

Carsten Brönstrup

Die neuen Preise der Deutschen Bahn sind jetzt auf dem Markt. Die Kunden müssen ungewohnte Tarife und Rabatte studieren, Sparmöglichkeiten ausloten. Die Unsicherheit ist groß. Wird Bahnfahren ab dem 15.Dezember komplizierter? Können bald nur noch Betuchte mit dem Zug reisen? Zwei Personen Berlin-München und zurück, das kostet im Normaltarif 330 Euro. Zählt für das staatseigene Unternehmen nur noch der Markt? Bringt das neue Preissystem das Ende der Volksbahn, wie wir sie gewohnt sind?

Im Gegenteil. Die neuen Tarife markieren nicht das Ende, sondern den Anfang der Volksbahn. Die Behörde, in der Beamte das Land mit der hoheitlichen Aufgabe „Beförderung“ versorgten – das war gestern. Es mag auch heute noch unpünktliche Züge, schmuddelige Waggons, patziges Personal, verdreckte Bahnhöfe geben. Aber die Bahn hat sich bemüht, die Mängel abzustellen, die dazu beitrugen, Deutschland zu einer Nation von Autofahrern zu machen.

Seit 1994 ist die Bahn eine Aktiengesellschaft. Seit 1999 wird sie auch wie ein modernes Unternehmen geführt: von Hartmut Mehdorn. Er muss die Bahn sanieren, damit sie nicht Jahr für Jahr Milliarden-Verluste einfährt und dem Steuerzahler auf der Tasche liegt. Dazu muss Mehdorn die Bahn für die Kunden herausputzen. Das bedeutet Investitionen in das Schienennetz, moderne Züge, saubere Bahnhöfe. Sowie eine Straffung des Konzerns und neues Denken bei den Mitarbeitern. Das bedeutet Preise, die mehr Menschen in die Züge locken als je zuvor. Das ist die Messlatte vor allem anderen.

Die Chancen, dass die Bahn dieses Ziel erreicht, stehen gut. Das Preissystem ist zwar gewöhnungsbedürftig wie alles Neue. Es hat auch Schwächen, weil spontanes Reisen unattraktiver wird. Und weil es Pendler zwingt, langsamere Nahverkehrszüge zu nutzen. Doch zugleich wird vieles günstiger. Berlin-München und zurück können zwei Erwachsene bei guter Planung auch für 198 Euro haben. Die Fahrt von Berlin nach Frankfurt (Main) kostet nun 86,40 Euro statt 106,40 Euro. Wer die Sparmöglichkeiten nutzt, zahlt noch weniger, für Familien und Gruppen gibt es weitere Rabatte. So wird die Bahn sozial. Und erweitert den Kreis ihrer potenziellen Kunden.

Die Bahn macht einen großen Schritt hin zur Volksbahn – weil sie tut, was der Markt von ihr verlangt. Doch bringt sich die Bahn nicht auch in Gefahr, wenn sie dem Markt vertraut? Beinahe täglich werben neue Fluggesellschaften mit neuen Niedrigstpreisen und versuchen, der Bahn Kunden abzujagen. Eine echte Konkurrenz für die Schiene sind sie aber nicht. Die Bahn befördert an einem einzigen Tag so viele Fahrgäste wie die Airlines in Deutschland in einem ganzen Jahr. Die Fluggesellschaften machen zudem genau die Fehler, durch die die Bahn zum Sanierungsfall wurde: In den Genuss der Dumpingpreise kommen nur wenige Passagiere, die meisten zahlen mehr, als die Werbung verspricht. Und das bei oft dürftigem Service, langen Wartezeiten am Schalter und weniger Pünktlichkeit.

Doch das Flugzeug ist nicht der wichtigste Wettbewerber der Bahn. Ein viel härterer Konkurrent bleibt das Auto, weil es bequemer ist und ständig verfügbar. Will die Bahn gegen das Auto bestehen, muss sie diese Nachteile wettmachen. Indem sie auch abseits der Hauptverkehrsstrecken pünktlich und schnell wird. Indem sie mehr für Stammkunden tut. Und indem sie ihre Kunden kulant behandelt, statt horrende Umtauschgebühren zu verlangen, wenn einer mal den Zug verpasst. Der Konzern ist erst dann eine echte Volksbahn, wenn die Deutschen zu einem Volk von Bahnfahrern geworden sind.

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