Politik : Die Volksrepublik feiert Geburtstag und setzt sich dabei selbst in Szene

Harald Maass

Seit Tagen beobachten die staatlichen Medien viel Glück und Freude. Doch hinter vorgehaltener Hand flüstern manche: "Sie jagen uns."Harald Maass

Vielleicht hätten wir nicht mit Liu Dong reden sollen. Dann wäre dies eine fröhlichere Geschichte über den 50. Geburtstag der Volksrepublik China geworden, zumindest eine optimistischere. Wie die Pekinger "Jugendzeitung" hätten wir möglicherweise über das prächtige, aus Glas und Chrom errichtete neue Flughafen-Terminal berichtet oder über den frischen Rasen überall in der Hauptstadt, den man extra für die große Feier aus Europa importiert hat. Wir hätten von Chinas jungem Wohlstand erzählen können, vielleicht wären wir wie der Fernsehsender CCTV ein paar Stationen mit der neuen U-Bahn gefahren, die rechtzeitig zur Feier eröffnet wurde, oder wir hätten einen der neuen Mietblocks mit fließend Wasser am Stadtrand besichtigt. Ein kleines bisschen hätten wir dann vielleicht die "großartige Freude" gespürt, von der die "Pekinger Abendzeitung" schwärmt. Wenn wir nicht mit Liu Dong gesprochen hätten.

Es ist spät in der Nacht, als der junge Mann die Eisentür zu seiner Ziegelhütte außerhalb der vierten Ringstraße öffnet. "Schnell rein", flüstert Liu Dong. Die Augen in seinem dunklen Bauerngesicht sind aufgerissen. Die Luft ist muffig, vor dem Eisenbett stapeln sich die leeren Styroporschüsseln von Fertignudeln. Anfang September sei plötzlich die Polizei in die Autowerkstatt nahe des Chaoyang-Parks gekommen, in der er seit einem Jahr arbeitete, berichtet Liu. Die Beamten hielten sich nicht lange mit Fragen auf. Innerhalb von Minuten haben sie die drei Dutzend Wanderarbeiter in der Werkstatt verhaftet und mit Bussen weggefahren. Liu, der zufällig auf der Toilette war, konnte flüchten. Seitdem versteckt sich der 25-Jährige. Seine drei Mitbewohner, die wie er aus der Provinz Hunan stammen, sind schon festgenommen. "Sie jagen uns", flüstert Liu. "Ich habe Angst."

Eine Volksrepublik feiert, und das Volk fürchtet sich. Am Freitag wird die VR China 50 Jahre alt. Das letzte große kommunistische System der Erde vollbringt einen Kraftakt: Heerscharen von Arbeitern haben gebuddelt, geteert und gepflanzt. Jahrzehntelang vernachlässigte Straßen und Gehwege wurden ausgebessert, einst graue Parkanlagen begrünt. Die Fassaden der grauen Wohnsilos entlang der Stadtautobahn sind neu getüncht. Zehntausende Wohnungen wurden gebaut, achtspurige Schnellstraßen, je ein Flughafen in Peking und Shanghai, ein Botanischer Garten. Neue Banknoten hat man gedruckt. Und doch: Chinas Mächtige waren nicht zufrieden. Damit keine Abgase die Luft trüben, teilte die "Pekinger Abendzeitung" den Bürgern mit, müssten 25 Industrieanlagen nahe der Hauptstadt "vorübergehend die Produktion drosseln".

Der Himmel soll strahlen, wenn sich die KP-Führung beim größten Umzug seit Mao Tse-tungs Tod selbst auf die Schulter klopft. 118 Milliarden Yuan - 26 Milliarden Mark - lässt sich Peking das pompöse Spektakel und die Neubauten im ganzen Land kosten. Allein in der Hauptstadt nehmen 150 000 Menschen an der Parade auf dem Platz des Himmlischen Friedens teil, 650 000 Blumen wurden entlang der Strecke gepflanzt.

Zum vermutlich letzten Mal darf sich der chinesische Sozialismus selbst inszenieren. Die Polizisten bewachen die Übungen, damit kein einfacher Bürger einen Blick auf die Vorbereitungen werfen kann. Soldaten marschieren im Stechschritt; Panzer und Raketen fahren auf; Arbeiter schwingen Fahnen; kleine Mädchen singen patriotische Lieder - das Programm einer vergangenen Epoche. Bilder, die man von den Mai-Aufmärschen in Ost-Berlin kennt, von den Paraden auf dem Roten Platz und dem Parteitag in Nürnberg 1933. Über dem Platz des Himmlischen Friedens schwenken nachts riesige Lichtkegel durch den Himmel. Rote Fahnen flattern im Wind, patriotische Hymnen schallen aus Lautsprechern. Obwohl es nicht kalt ist, zieht man den Kragen hoch.

"Vom einjährigen Baby bis zu 70-jährigen Alten - niemand scheut sich vor hartem Training, und viele Menschen haben ihren Urlaub abgesagt", jubelt die "Peking Zeitung". Seit Wochen feiern die Staatsmedien die große Gala. "Ich bin überglücklich, als Vertreterin der nationalen Minderheiten an der Parade teilzunehmen", zitieren sie den 72-jährigen Ma Huiyuan. Erstmals dürfen auch die Behinderten mitmarschieren. Jeden Tag sei der Rollstuhlfahrer Huang Jianhong aus dem Vorstadtbezirk Daxing mit dem Zug in die Stadt gefahren, um für die Parade zu trainieren. "Er hat sich nie verspätet", lobt die "Peking Zeitung".

Rührende Geschichten, erfunden in den Schreibstuben der Propagandisten. Eine Studentin der Pekinger Fremdsprachen-Universität berichtet, wie es hinter den Kulissen wirklich aussieht. Vor kurzem seien chinesische Studenten gesucht worden, damit sie beim Umzug in den Kostümen der Tibetaner und anderer ethnischer Minderheiten auftreten. "Das ist alles gefälscht, alles Show", sagt sie. Im örtlichen Alten- und Behindertenzentrum stapelten sich Dutzende nagelneue rote Rollstühle mit den Schriftzügen "50 Jahre China" auf der Lehne. Die "Behinderten", rüstige Rentner aus der Nachbarschaft, kamen zu Fuß. In die Rollstühle setzen sie sich nur, um für den Umzug zu üben.

Betrug? Was interessiert es Pekings Führer, ob ihre Selbstinszenierung etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Das Volk soll nur eins: jubeln. Rechtzeitig vor den Feierlichkeiten wurden die Löhne und Bezüge von 84 Millionen Staatsangestellten, Rentnern und Arbeitslosen erhöht. Umgerechnet 12 Milliarden Mark streut die Regierung unters Volk. Damit die Menschen sich politisch korrekt freuen, diktiert die KP die 50 offiziellen Slogans zum Fest gleich selbst. "Zelebriert wärmstens den 50. Jahrestag!"; "Lang lebe die Kommunistische Partei!"; "Lang lebe die große Volksrepublik China!"

Doch statt spontaner Ausbrüche des "Glücks und der Freude", wie sie die Nachrichtenagentur Xinhua beobachtet hat, hört man in Peking derzeit ganz andere Töne. "Da wird ein Vermögen verschleudert", ärgert sich ein Taxifahrer. Damit an den Festtagen die Straßen nicht so überfüllt aussehen, darf er ohne Gäste nicht mehr auf den Ringstraßen fahren. Seit Tagen sind die Teile der Innenstadt, in denen die Parade stattfindet, gesperrt. "Wie soll ich denn mein Geld verdienen", schimpft der 40-Jährige. Wie jeder Bürger der Hauptstadt ist er vom Blockwart aufgefordert worden, eine Nationalflagge vor die Tür zu hängen. Er ist verbittert: "Nach zwei Jahrzehnten Reformen dachte ich eigentlich, dass die Zeit der Massenkampagnen vorbei ist."

Ein halbes Jahrhundert nach der Staatsgründung ist das System das alte. Schätzungsweise 300 000 Wanderarbeiter und Bettler wurden in den vergangenen Monaten aus der Hauptstadt verbannt, seit Juli insgesamt 100 000 Prostituierte und Kleinkriminelle im ganzen Land hinter Gitter gesteckt, "um das Volk zu säubern", wie ein Polizeisprecher mitteilt. In Qinghe im Norden Pekings hat die Polizei ein Auffanglager errichtet. Meterhohe graue Mauern schirmen das Gelände vor neugierigen Blicken ab. Dahinter warten Tausende Wanderarbeiter zumeist mehrere Tage, ehe sie mit Zügen in die Provinzen geschickt werden.

"Sie müssen den ganzen Tag unter freiem Himmel kauern, dürfen sich nicht hinstellen", berichtet ein Pekinger Geschäftsmann, der nur seinen Familiennamen Wang nennen möchte. Vor einigen Tagen stürmte die Staatssicherheit auch in seine Werkshalle. Seine drei Angestellten wurden festgenommen und sofort nach Qinghe gebracht. "Nicht mal warme Kleidung durften sie mitnehmen", sagt Wang. Nach drei Tagen im Auffanglager wurden sie mit dem Zug in ihre Heimatprovinzen Anhui und Henan verfrachtet. Für die Freilassung mussten die Verwandten je 300 Yuan "Bearbeitungsgebühr" bezahlen.

Ein bitterer Abschied. Wen interessiert es, dass die Wanderarbeiter in Peking die Drecksarbeit machen? Dass es die Bauern aus der Provinz sind, die von Hand die Fundamente für die neuen Hochhäuser ausschaufeln, die nachts den Teer für die Ringstraßen plattwalzen? Bei der großen Gala passen sie mit ihren verschlissenen, verdreckten Mao-Anzügen nicht ins Bild. Zwei Jahre lebt Liu Dong bereits in Peking. Bald sollte seine Verlobte aus der Provinz nachkommen. Doch jetzt muss er sich verstecken. Bei jedem lauten Geräusch auf der Straße schreckt er auf. "Sie behandeln uns wie Verbrecher", sagt er.

Von der Parade am Freitag wird Liu Dong wie so viele nichts mitbekommen. Der "Platz des Himmlischen Friedens" ist für die normalen Chinesen gesperrt, Zutritt nur mit Platzkarte. Das Volk darf nur als Requisit für die Jubelszenen auftauchen. Jede Kreuzung wird von Polizisten bewacht, aus Angst vor Anschlägen wird während der Parade das Mobiltelefonnetz für mehrere Stunden abgeschaltet. In den Mietshäusern und Hotels entlang des "Boulevards des ewigen Friedens" mussten die Bewohner die Vorhänge an den Fenstern mit Blick zur Straße schon in den vergangenen Tagen zuziehen. Wer trotzdem auf die Straße spähte, bei dem klingelte wenig später das Telefon. Die Polizei am Apparat. "Die großartige Entwicklung" Chinas solle bei der Parade anschaulich gemacht werden, sagte ein Planungsbeamter. Das ist gelungen, leider.
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