Politik : Die Wärmespuren der Spione

Die Birthler-Behörde deckt auf: Neun von zehn Spitzeln des Bundesnachrichtendienstes in der DDR arbeiteten auch für die Stasi

Robert Ide

Werner Großmann erlebte am Dienstag eine Überraschung. Der letzte Chef der DDR-Auslandsspionage saß in seiner Wohnung in Berlin-Hohenschönhausen und verfolgte die Nachrichten. „Das ist ja erstaunlich“, meinte er, als er das Neueste über die Arbeit seines Geheimdienstes erfuhr. In der Tat verblüffen aktuelle Forschungen der Stasi-Akten-Behörde Marianne Birthlers – sogar einstige Stasi-Größen. Denn demnach waren neun von zehn Agenten, die der Bundesnachrichtendienst (BND) in der DDR angeworben hatte, auch Mitarbeiter der Stasi – also Doppelagenten.

Der Osten hat den Westen also doppelt unterwandert. Einerseits dienten kurz vor Ende der DDR noch etwa 3000 Bundesbürger der Stasi – insgesamt sollen es 12 000 gewesen sein. Der bekannteste Agent war Günter Guillaume, der in den 70er Jahren Bundeskanzler Willy Brandt bespitzelt hatte und damit dessen Rücktritt verursachte. Über ihn sendet die ARD heute und morgen (jeweils 20 Uhr 15) den zweiteiligen Spielfilm „Im Schatten der Macht“.

Doch die Unterwanderung des Westens durch die Stasi fand auch im Osten statt: bei Bürgern, die eigentlich für die Bundesrepublik spionieren sollten. Das belegt ein Aufsatz von BND-Direktor Ullrich Wössner im neuen Buch „Das Gesicht dem Westen zu…“, das vom Historiker Helmut Müller-Enbergs herausgegeben wurde. „Spione haben sich in der DDR so verhalten wie Menschen in einem riesigen Eiswürfel“, sagt Müller-Enbergs. „Überall hinterließen sie Wärmespuren.“ Da die DDR mit Spitzeln durchsetzt war – die Stasi hatte 90 000 hauptamtliche und doppelt so viele inoffizielle Mitarbeiter –, sei jeder Fremde aufgefallen. Die Stasi habe diese Leute nur abwerben müssen, „und im Westen hat niemand etwas gemerkt“. Experten gehen allerdings davon aus, dass der BND eine gewisse Zahl von Doppelagenten einkalkulierte. „Agenten mit doppelten Einsatz sind Teil des Geschäfts“, sagt der Geheimdienstbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Uhrlau. Dennoch: „Die Anzahl ist überraschend“, meint Stasi-Forscher Hubertus Knabe.

„Ich dachte, dass wir nur im Westen so erfolgreich waren“, gibt sich selbst Werner Großmann verwundert. Heute und morgen Abend sitzt er wieder in seiner Wohnung in Hohenschönhausen – der frühere Geheimdienstchef will den Spionagefilm gucken.

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