Politik : Die Waffen dieser Frau

MERKELS WOCHE

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Von Bernd Ulrich

Will man von dieser Frau regiert werden? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, aber es ist die einzige, die sich zurzeit noch stellt. Dass sie Kanzlerkandidatin wird, steht nach ihrem unschönen Sieg im Präsidentenspiel kaum noch in Zweifel. Sicher, Roland Koch und Edmund Stoiber werden jede Gelegenheit nutzen, um sie zu behindern. Nur wird es kaum noch Gelegenheiten vom Rang der Präsidentenkür geben. Und wenn Angela Merkel erst einmal Kanzlerkandidatin ist, sind ihre Chancen, gegen die kriselnde Koalition zu gewinnen, enorm hoch. Fast alles spricht dafür, dass dieses Land in zweieinhalb Jahren von dieser Frau regiert wird.

Was einen am Ende dieser Woche vor einer solchen Aussicht zurückzucken lässt, ist ihre offenkundige Brutalität. In der Union kursiert gerade ein Witz: Schmeiß Angela Merkel in ein Haifischbecken – nach einer halben Stunde sind alle Haie tot. Nun ließe sich in Zweifel ziehen, dass es sich beim CDU-Präsidium um ein Haifischbecken handelt. Nicht alles, was schwimmt und das Maul aufreißt, ist ein Hai. Zudem sind ihre Konkurrenten kaum weniger hart, sie sind dabei nur weniger erfolgreich.

Und doch stört etwas an Merkels Art von Härte. Sie hat etwas Mathematisches. Fast alle Männer in der Politik agieren in Seilschaften, sie schlagen und versöhnen sich. Ihre Brutalität hat bei allen Verletzungen etwas Versöhnliches, wenigstens für die Zuschauer. Merkel hat keine Seilschaften dieser Art. Sie muss, um Erfolg zu haben, weitaus genauer, kühler und disziplinierter agieren als die Männer. Das macht so manchen frösteln, zumal dann, wenn ihr Opfer zum wiederholten Male derselbe Mann ist und ihr nicht die kleinste Geste der Versöhnung oder des Bedauerns gelingt. Dennoch: Sie ist nicht brutaler, sie ist es nur auf andere Weise.

Was Merkel außerdem angelastet wird, ist die atemberaubende Kluft zwischen den Binnenkriterien der Politik und den Maßstäben der außerpolitischen Welt. Nach innen hat sie durch die Nominierung von Köhler gewonnen, nach außen wirkte es als Desaster. Sie hat in dieser Woche politische Macht gewonnen, während zugleich die Politik insgesamt wieder einmal an Reputation verlor. Diese Hermetik des Politischen hat Merkel nicht zu verantworten. Doch ist sie es eben, die nun erleichtert durch Berlin läuft, während sich fast alle anderen mit Grausen abwenden. Beides, die Brutalität und die Hermetik der Berliner Politik, könnte sie nicht allein verändern, selbst wenn sie wollte. Ob sie es überhaupt will, kann man indes nicht recht erkennen.

Allerdings kann das nicht die Hauptkritik an ihr sein. Vielmehr fragt sich: Für was all diese Härte? Welche Ziele rechtfertigen solche Mittel? Merkel sagt, sie wolle das Land verändern. Tatsächlich hat sie im vergangenen Herbst erstmals genauer gesagt wie. Von ihrer Rede am 2. Oktober bis zum Leipziger Parteitag Anfang Dezember hat sie ein liberales und zugleich konservatives Konzept vertreten. Mit Erfolg. Aber ohne Ausdauer. Bereits im Januar ließ sie den Mut wieder sinken und gab bekannt, eine große Steuerreform sei in diesem Jahr nicht möglich. Zu vielen anderen Reformfeldern schweigt die Kanzlerin in spe.

Nun könnte man einwenden, auch Gerhard Schröder sei, bevor er Kanzler wurde, ein Mann der Beliebigkeiten gewesen und habe dann im Amt zu einem ehrgeizigen, ja waghalsigen Reformkonzept gefunden. Schon, nur: Wie lange hat er dafür gebraucht, und wie viel hat diese Verspätung das Land gekostet? Das Land kann sich keine vergeudeten Jahre und keine unklaren Kanzlerkandidaten mehr leisten. Von Angela Merkel darf man zweierlei erwarten: dass sie die Regeln der Politik nicht nur perfekt anwendet, sondern auch versucht, sie zu verändern. Und dass sie genauer und nachhaltiger formuliert, welche Inhalte die Härten rechtfertigen.

Möchte man von dieser Frau regiert werden? Noch nicht, nicht so.

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