Die Wahl in Nigeria : Armes, reiches Land

Der westafrikanische Staat verfügt über riesige Ölvorkommen, doch die Wirtschaft liegt am Boden. Der gesunkene Ölpreis setzt den Staatshaushalt gewaltig unter Druck.

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Die südnigerianische Hafenstadt Port Hartcourt liegt im Zentrum der Ölförderregion im Süden des Landes. Der gesunkene Ölpreis trifft das Land hart. Foto: Tife Owolabi/dpa
Die südnigerianische Hafenstadt Port Hartcourt liegt im Zentrum der Ölförderregion im Süden des Landes. Der gesunkene Ölpreis...Foto: Tife Owolabi/dpa

An Selbstvertrauen und großen Visionen hat es in Nigeria noch nie gemangelt. Vor zwölf Jahren plante seine damalige Regierung sogar ein Raumfahrtprogramm, das Afrikas bevölkerungsreichsten Staat mit Macht aus seiner jahrzehntelangen Stagnation in die Moderne katapultieren sollte. Genau so unerfüllt blieb bis heute der lang gehegte Wunsch, schon bald zu den zehn führenden Volkswirtschaften der Welt zu zählen. Tatsächlich spielt Nigeria mit seinen 180 Millionen Einwohnern bis heute stattdessen in der Abstiegszone – die Zahl seiner unter oder an der Armutsgrenze lebenden Bürger liegt inzwischen bei 120 Millionen und nimmt Jahr für Jahr weiter zu.

Unabhängig davon, wer die Präsidentschafts- und Parlamentswahl gewinnt, erwartet den Sieger ein sehr schwieriges Erbe: Die Halbierung des Ölpreises seit Mitte 2014 hat das Land, das bei seinen Staatseinnahmen noch immer zu 75 Prozent vom Öl abhängt, hart getroffen. Bei den Exporterlösen beträgt die Abhängigkeit vom schwarzen Gold fast 95 Prozent. Die „Economist Intelligence Unit“ rechnet damit, dass Nigerias Öleinnahmen 2015 trotz der zuletzt leicht gestiegenen Produktion um etwa 25 Prozent unter denen des Vorjahres liegen werden. Einer Studie der britischen Bank HSBC zufolge dürfte das Land sogar mehr als ein Drittel weniger für sein Öl als im Vorjahr erhalten. Als Reaktion auf den Einbruch der Staatseinnahmen und seine nun stark negative Handelsbilanz ist der Naira, die Währung des Landes, um mehr als ein Viertel gefallen. Auch die Kurse an den Börsen sind stark eingebrochen. Viele Infrastrukturprojekte sind auf Eis gelegt.

Der IWF erwartet weniger Wachstum in Nigeria

Der Internationale Währungsfonds rechnet daher für 2015 mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums von 6,3 auf 4,8 Prozent. Dies ist schon wegen des enormen Bevölkerungszuwachses viel zu wenig, um die Armut auch nur ansatzweise zu verringern. Dabei ist höchste Eile geboten: Bis 2050 dürfte das westafrikanische Land mit 450 Millionen die weltweit höchste Bevölkerungszahl hinter China und Indien aufweisen – und könnte sich diesen beiden im Jahr 2100 mit dann prognostizierten 900 Millionen noch weiter annähern. Jedes Jahr werden in dem kaum industrialisierten Land bereits jetzt sieben Millionen Kinder geboren – mehr als zehnmal so viele wie in Deutschland.

Entsprechend hoch ist der wirtschaftliche Aufholbedarf nach den vielen verschenkten Jahren seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960. Ganz obenan steht der katastrophale Strommangel. Wer es sich leisten kann, wird in Nigeria zum Selbstversorger und legt sich einen Generator zu. Mehr als zwei Drittel der Elektrizität im Land werden heute irgendwo in Kellern und Hinterhöfen produziert.

Nigeria hat gewählt
Der Wahlgewinner Muhammadu Buhari hat am Mittwoch in Abuja die Wahl angenommen. Noch in der Nacht hatte der amtierende Präsident, nachdem er schon nachmittags seinem Nachfolger gratuliert hatte, eine Rede gehalten, in der er seine Niederlage anerkannte und seine Anhänger aufforderte, das Ergebnis zu akzeptieren. Damit hat Goodluck Jonathan im Abgang die Größe gezeigt, nach der sich die Nigerianer in seiner fünfjährigen Amtszeit gesehnt hatten. Er hat seinem Land einen letzten Dienst erwiesen. Foto: AFPWeitere Bilder anzeigen
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01.04.2015 12:16Der Wahlgewinner Muhammadu Buhari hat am Mittwoch in Abuja die Wahl angenommen. Noch in der Nacht hatte der amtierende Präsident,...

Symptomatisch für die Probleme der Wirtschaft ist die Ölindustrie. Auf der einen Seite produziert Nigeria derzeit rund 2,2 Millionen Barrel Öl am Tag, zumeist mit einem sehr geringen Schwefelanteil, was Raffineriekonzerne mögen, weil sie dadurch leichter die strikten Umweltauflagen im Westen erfüllen. Auf der anderen Seite befinden sich Nigerias eigene Raffinerien in einem derart maroden Zustand, dass der weltweit achtgrößte Ölproduzent auf Benzineinfuhren angewiesen ist. Schätzungen gehen zudem davon aus, dass rund die Hälfte der Erdöleinnahmen in privaten Taschen versickert – Hunderte von Milliarden Dollar seit der Entdeckung der Ölfelder im Nigerdelta in den 70er Jahren.

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