Politik : Die Wahlbeteiligung ist hoch - Chatami könnte davon profitieren

Birgit Cerha

Selbst in erzkonservativen Kreisen hat der lächelnde Präsident mit seinen Aufrufen zu Toleranz und Veränderung seine Anhänger gefundenBirgit Cerha

"Seit sieben Uhr morgens herrscht hier großer Andrang", sagt ein Polizist am Freitag vor einem Wahllokal im armen, konservativen Süden Teherans. Viele Wochen lang haben Medien und Politiker das Volk auf diesen Urnengang vorbereitet. "Er wird als der schicksalhafteste in die Annalen der Islamischen Republik eingehen", orakelt "Iran News". Werden die Reformer unter Führung Präsident Chatamis das bisher von ihren konservativen Gegnern beherrschte Parlament erobern? Eine hohe Wahlbeteiligung, darin sind sich die Experten einig, sollte Chatami zum Sieg verhelfen.

Ratlos steht eine alte Frau, den oberen Zipfel ihres Tschadors, des langen schwarzen Umhangs, zwischen die Zähne geklemmt, vor einem der Pulte, die man in der Eingangshalle einer Schule aufgestellt hat. Laut Verfassung sind die Wahlen geheim. Doch Wahlzellen gibt es keine. Vor jeder in Wahllokale umgewandelten Schule oder Moschee ist ein Polizist mit schussbereitem Maschinengewehr postiert. Die Menschen wirken engagiert, die Stimmung ist entspannt und ruhig.

Die alte Frau redet auf ihre Tochter ein. Sie fühlt sich offensichtlich für diese demokratische Übung total überfordert. Doch die Bedeutung dieser Wahlen für die Zukunft des Landes scheint ihr voll bewusst. Deshalb habe sie ihre Töchter mitgenommen. Man habe ihr einen großen Zettel mit 30 auszufüllenden Rubriken für die 30 Teheraner Abgeordneten ausgehändigt. An der Wand hängt ein riesiges Plakat mit mehr als 800 Namen. Daraus muss sie ihre Favoriten wählen, und daneben auch noch eine dem Plakat zu entnehmende Codenummer einsetzen, damit die Wahlveranstalter die Möglichkeit einer künftigen Computerzählung testen können. Die Tochter steht der Mutter bei, berät sich mit ihren Schwestern, andere schwarzverhüllte Frauen blicken der Gruppe über die Schulter. Eine Mann diskutiert mit seinem Freund, während er einige Namen in den Wahlzettel einträgt. Vor ihm liegt ein farbiger Flugzettel mit Namen und Fotos von Mitgliedern der "Front zur Teilnahme am islamischen Iran" (HPF). Ganz oben auf der Liste dieser dem Präsidenten nahestehenden Partei steht Moham-med-Reza Chatami, dessen jüngerer Bruder.

Finster blickt eine Frau in ihrem Tschador auf die Haarsträhnen, die unter dem Kopftuch der neugierigen Beobachterinnen aus Europa hervorschauen. In ihrer Hand hält sie ihren Wahlzettel, mit den Namen der Mitstreiter Chatamis ausgefüllt. Selbst in den erzkonservativen Kreisen hat der lächelnde Präsident mit seinen Aufrufen zur Toleranz und Veränderung seine Anhänger gefunden.

Auch im wohlhabenden Norden Teherans bildeten sich vor den Wahllokalen Schlangen. Hier dürfte den Reformern eine starke Mehrheit der Wähler gewiss sein. Die zutiefst verwirrenden und komplizierten Wahlprozeduren könnten landesweit aber den in breiten Bevölkerungsschichten seit langem als aktive Politiker bekannten Konservativen zugute kommen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar