• Die Wechsel im Regierungsteam des Kanzlers haben ihre Logik - und folgen dem Gesetz der klassischen Tragödie (Analyse)

Politik : Die Wechsel im Regierungsteam des Kanzlers haben ihre Logik - und folgen dem Gesetz der klassischen Tragödie (Analyse)

Tissy Bruns

Wie alles anfing: "Du, hör mal," hat am Montag nach der Bundestagswahl der künftige Kanzler seinen Parteifreund Wolfgang Clement gefragt. Der weiss gleich, was kommt. "Ich brauch den Bodo." Der schwergewichtige Bodo Hombach also zieht in Schröders Kanzleramt ein. Gerhard Schröder verrückt damit die empfindliche Machtbalance zwischen dem Duo, das die Wahl gewonnen hat, in einer Weise zu seinen Gunsten, die den Nerv von Oskar Lafontaine reizt. Schröders Coup ist allerdings der zweite Teil des Anfangs. Denn er ist eine Reaktion auf Lafontaines Weigerung, den Schröder-nahen Niedersachsen Gerd Andres als Kanzleramtsminister zuzulassen.

Drei Wochen im Oktober: Die SPD versteht ihren Vorsitzenden nicht mehr. Oskar Lafontaine will Finanzminister werden. Und er beginnt einen heftigen Kampf um den Fraktionsvorsitz. Tagelang schwirrt die Luft: Soll Franz Müntefering Fraktionsvorsitzender werden? Lafontaine will den Fraktionsvorsitzenden Rudolf Scharping gegen seinen Willen ins Kabinett drängen. Man riecht das Blut, als die Viererbande Schröder, Scharping, Lafontaine, Müntefering am 12. Oktober die Parteizentrale betritt, um vor den Parteivorstand zu gehen, den Lafontaine eigens zu diesem Zweck einberufen hat. Man hat zuvor in der niedersächsischen Landesvertretung konferiert. Nur einer äußert sich zum Ergebnis. Schröder: "Es entspricht meinen Erwartungen an die Teamfähigkeit der SPD." Will heißen: Alle werden Minister. Bau und Verker: Müntefering. Verteidigung: der ehemalige Parteivorsitzende Scharping, den Lafontaine drei Jahre zuvor gestürzt hat. Fraktionschef wird Peter Struck, der später, im Juli, mit unbedachten Äußerungen zur Steuerreform für das Sommertheater sorgen wird. Lafontaine macht weiter.

Am 19. Oktober geht ein grimmiger Schröder durchs Regierungsviertel, der auf die Frage, wie es ihm gehe, knapp antwortet: "Schlecht." Eine viertel Stunde später erklären die Agenturmeldungen warum: Jost Stollmann geht, der Wirtschaftsminister in Schröders Schattenkabinett, jung, Millionär, Unternehmer, Schröders Mann. Lafontaine hat für sein Ministerium aus dem Wirtschaftsressort so viel herausgeschnitten, dass der Amtanstritt für Stollmann keinen Sinn mehr macht. Schröder präsentiert umgehend Werner Müller, der künftig dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin das Leben auf seine ganz gelassene Art sauer machen wird. Eine heitere Runde unterschreibt schließlich den Koalitionsvertrag, der Kanzler und seine Minister werden vereidigt. Herta Däubler-Gmelin, als vierte an der Reihe, ist die erste, die sagt: "So wahr mir Gott helfe."



Unheil im März: Der Parteivorsitzende verlässt das sinkende Schiff. Als Regierungssprecher Heye und Fraktionschef Peter Struck am Nachmittag eilig ins Kanzleramt gerufen werden, sind die Nerven ohnehin gespannt. Die Zeitungen haben am Morgen Kanzler-Worte aus dem Kabinett zitiert, die offensichtlich auf Lafontaine zielen - und genauso gezielt in die Öffentlichkeit lanciert worden sind. In der SPD-Zentrale ist man sicher, wer es war: Bodo. Oder sein Umfeld.

Im Kanzleramt sitzt ein sprachloser Schröder, mit einem Blatt Papier in der Hand. Es ist die dürre Rücktrittserklärung des Finanzministers Oskar Lafontaine. In der SPD-Zentrale liegt die des Parteivorsitzenden. Sechs Zeilen, mit dem Schlusssatz: "Ich wünsche euch für die Zukunft eine erfolgreiche Arbeit für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität."

Einen neuen Finanzminister hat der Kanzler am gleichen Abend. Hans Eichel. Und auch der neue SPD-Vorsitzende wird im Kanzleramt ausgerufen. Er heisst Gerhard Schröder. Das SPD-Präsidium stimmt am nächsten Tag zu. Die Partei ist in tiefstem Herzen getroffen, vom alten und vom neuen Vorsitzenden.



Farce im Sommer: Der Kanzler bringt sein Opfer. Mit mehrmonatiger Verzögerung tritt am 24. Juni ein, was nach den Gesetzen der klassischen Tragödie unvermeidbar ist: Bodo Hombach muss gehen. Schröder schiebt seinen glücklosen Kanzleramtsminister nach Europa ab: Er wird Balkan-Koordinator - und bleibt auch in diesem Amt wegen seiner privaten Bau-Affären umstritten. Der Kanzler verliert Wahlen und Ansehen - und macht den nächsten Zug: Der Sparkurs-Kritiker und alte Lafontaine-Freund Klimmt wird Bau- und Verkehrsminister als Nachfolger von Franz Müntefering, dem künfigen Generalsekretär der SPD.

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